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Tisa von der Schulenburg – Der empathische Blick

Stellen Sie sich vor, Sie stehen übermüdet an einem schwülwarmen Sommertag in einem nicht klimatisierten Fahrstuhl. Es ist so voll, dass Ihre Nase den Rücken Ihres Vordermanns berührt. Von hinten schiebt Ihnen jemand eine Aktentasche zwischen die Rippen, während die Person neben Ihnen im Takt ihrer Musik Ihren Fuß bearbeitet. Hinten links dröhnt ein Handyvideo. An der Tür schütteln sich zwei so vor Lachen, dass die Gruppe noch etwas dichter zusammenrückt. Es passiert nichts Dramatisches – und doch ist die Situation zermürbend.

Die Gefühlswelt von Individuen in alltäglichen, scheinbar unbedeutenden Szenen vergleichbarer Art ist selten Gegenstand in der bildenden Kunst. Elisabeth Karoline Mary Margarete Veronika Gräfin von der Schulenburg (1903-2001), besser bekannt als Tisa von der Schulenburg, gehört zu denjenigen, die in ihrem künstlerischen Werk gerade einen empathischen Blick auf das individuelle Erleben ihres Gegenübers werfen. Bezogen auf den Bergbau rückt sie nicht etwa die Bedrohungsszenarien – z. B. durch Kohlenstaubexplosionen, Streckenbrüche oder Grubenbrände – sowie die damit verbundenen Emotionen – z. B. Angst, Trauer und Verzweiflung – in den Fokus. Sie zeigt stattdessen Menschen in ihrer Alltagsroutine; dichtgedrängt in Förderkörben stehend, tiefgebeugt in Strecken fahrend oder eingepfercht in Dieselkatzen sitzend. Mit flüchtigen Strichen zeichnet sie hagere Gestalten mit ernsten Gesichtern, denen die Belastung durch Enge, Hitze, Staub, Lärm, die schwere körperliche Arbeit und lange Arbeitszeiten förmlich in die großen, müden Augen geschrieben ist. Typisch für von der Schulenburgs grafisches Werk sind – neben ihrer Vorliebe für Schwarz-Weiß-Grafiken – einfache, kantige Formen und unruhige Strichfolgen auf getöntem Papier, die fast skizzenhaft wirken.

 

Den Bergbau bzw. Bergleute als Motiv entdeckte Tisa von der Schulenburg, die in Berlin und Paris gelernt hatte, zufällig. 1934 emigrierte sie aufgrund ihrer Ehe mit einem jüdischen Fabrikanten nach England. Zwei Jahre später wurde sie von der ‚Artists’ International Association‘ nach Durham eingeladen, um arbeitslosen Bergleuten das Schnitzen beizubringen. Dieser Aufgabe nahm sie sich zunächst zögerlich anFasziniert von der ungebrochenen Leidenschaft der Bergleute für ihre Arbeitswelt fuhr von der Schulenburg schließlich selbst ein – ein Schlüsselmoment ihres künstlerischen Lebens. Seitdem gehörten Bergleute, Armut, Arbeitslosigkeit und die Härte des Lebens zu den zentralen Motiven der Künstlerin.

 

Von der Schulenburgs Auseinandersetzung mit dem Bergbau kam zu einem vorläufigen Ende, als man ihr 1939 nach dem Staatsbegräbnis ihres linientreuen Vaters in Deutschland die Wiedereinreise nach England verweigerte. Familiäre Entwurzelung, gescheiterte Beziehungen, Einsamkeit, tragische Verlust- wie auch Fluchterfahrungen und Depressionen führten in eine Schaffenskrise. Erst im Winter 1947, als sie als Reporterin für Die Welt ins Ruhrgebiet kam, fand sie erneut Zugang zum Bergbau. Auf der Zeche Hannover in Bochum erhielt sie ein Zimmer und die Möglichkeit, auf verschiedenen Anlagen einzufahren – der Beginn einer zweiten Schaffensperiode im Bergbau.

 

„Man zeigte und erklärte mir alles“, erinnerte sich die Künstlerin fast 40 Jahre später. „Der Unterschied zwischen den deutschen Bergwerken und den in County Durham lag darin, daß die Durhamer Zechen alle veraltet waren, die im Ruhrgebiet dagegen durchweg modernisiert. Diese Zeche [Zeche Hannover, A-M. H.] war eine Musterzeche im Revier. Die schwarze Tiefe zog mich mehr denn je an. Ich zeichnete und zeichnete. […] Männer beim Gesteinbohren. Männer vor Ort. Preßlufthämmer gellten, die Schüttelrutsche ratterte. Alles war voller Staub. […] Es war dasselbe Gesicht – hier wie in Durham – von schwerster Anspannung gezeichnet. Der Feind war hier Gas und Staub. Der Kohlenstaub der gefürchtetste Gegner“ (Schulenburg, Ich hab’s gewagt, S. 201).

 

Aus ihrer Bochumer Zeit stammt auch das Motiv „Fahren mit der Kohle auf der Schüttelrutsche“ (1976). In ihrem charakteristisch expressionistischen Stil entwirft Tisa von der Schulenburg eine beklemmende Szene: Ein Mann mit Helm und Kopflampe liegt bäuchlings auf einem Förderband, das irrtümlich als Schüttelrutsche bezeichnet wurde. Den linken Arm stützt er auf, mit der rechten Hand umklammert er einen Stempel. Der Bergmann ist überproportional groß dargestellt, wodurch der Grubenraum noch enger und bedrückender wirkt. Bewegung erzeugt die Künstlerin durch eine unruhige, scheinbar regellose Strichführung, die zugleich die innere Anspannung des Dargestellten spürbar macht. Zugleich wirkt seine Erschöpfung so überwältigend, dass er gar nicht wahrnimmt, wie er sich mit der Umklammerung des Stempels bei laufendem Band in unmittelbare Lebensgefahr begibt. Tisa von der Schulenburg geht es dabei nicht um eine realistische Schilderung der Arbeit unter Tage, sondern um die Verdichtung emotionaler Eindrücke, um Kräfteverschleiß, Beklemmung und Isolation in einer unwirtlichen, unsicheren Umgebung.

 

Die Idee Bernhard Goohsens, Betriebsratsvorsitzender der Zeche Hannover, Tisa von der Schulenburg zur ‚Bergbaukünstlerin‘ avancieren zu lassen, verlief zunächst im Sand. Denn als man ihr im Sommer 1948 erneut die erhoffte Rückkehr nach England verwehrte, markierte dies gleichzeitig einen biografischen Wendepunkt, der auch mit einer vorläufigen Pause mit dem Thema ‚Bergbau‘ einherging. Vom Krieg geprägt und von der eigenen passiven Haltung enttäuscht, fühlte sich Tisa von der Schulenburg in der nach Wohlstand strebenden Nachkriegsgesellschaft heimatlos. Zuflucht fand sie im Dorstener Ursulinenkloster, wo sie zunächst als Gast und Kunstlehrerin, später – ab September 1950 – als Schwester Paula bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 lebte.

 

In dieser Zeit setzte sie vorrangig religiöse Sujets um und ergänzte ihr grafisches Werk stärker um bildhauerische Arbeiten, vor allem in Holz. Teils angeregt durch Dokumentarfotografien griff sie auf Reisen zudem Themen wie Krankheit, Hunger und Vertreibung auf. So entstanden humanitär und politisch geprägte Motive zu Gefangenen in Vietnam, fliehenden Menschen in Chile, Polizeigewalt in Südafrika, hungernden Kindern in Bangladesch, der medizinischen Versorgung in Äthiopien sowie zu nationalsozialistischen Verbrechen.

 

Anfang der 1970er-Jahre stieß der Gewerkschafter Hans Alker (geb. 1927) im Dorstener Kloster auf die Arbeiten Tisa von der Schulenburgs. Indem er ihr Aufträge und Ausstellungen vermittelte, etablierte er sie im Ruhrgebiet tatsächlich als ‚Bergbaukünstlerin‘. Noch mit über 70 Jahren fuhr sie ein und studierte insbesondere auf der Zeche ‚Fürst Leopold‘ (Dorsten) die technische Entwicklung unter Tage. Nicht aus den Augen verlor sie dabei die Bergleute, die im Zuge von Arbeitsrationalisierung und Gewinnmaximierung auch die Schattenseite der Mechanisierung zu spüren bekamen. An ihre letzte Ausfahrt denkend, hielt Tisa von der Schulenburg fest: „Unten, vor der Auffahrt, stehen sie dicht gedrängt. Heute sind die Körbe nicht mehr so klein wie damals in England. Dort hockten und standen sie wie die Trauben übereinander. Ich frage meinen Begleiter: ‚Wieviel gehen hier wohl ‘rein?‘ 13 sind erlaubt. ‚Und wie viele sind es?‘ ‚Über 40 sind es wohl‘, meint er […]“ (Schulenburg, Meine dunklen Brüder, S. 73). So verbinden sich in ihren Beobachtungen technische Fortschritte und die unverändert harte Realität der Arbeit zu einem eindringlichen Bild des Bergmannsalltags.

 

Anlässlich des 25. Todestages von Tisa von der Schulenburg zeigt das Deutsche Bergbau-Museum Bochum, Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen, eine Ausstellung zum Leben und Werk der Künstlerin. Das Montanhistorische Dokumentationszentrum ergänzt die Arbeiten aus dem Ruhrgebiet und England mit Grafiken zum außereuropäischen Bergbau – darunter Motive zum Steinkohlenbergbau in den USA, zu Arbeiterinnen in Indien oder zum Smaragdschürfen in Kolumbien. Die Ausstellung rückt Aspekte in den Fokus, die im Ruhrgebiet leicht aus dem Blick geraten: dass Bergbau weltweit stattfindet, mehr umfasst als die Gewinnung von Kohle, auch Frauen beschäftigt und bis heute körperlich schwerste Arbeit unter extremen Bedingungen bedeutet. Darüber hinaus werden Werke zu den Themen Holocaust, Flucht und Ausgrenzung präsentiert, die den empathischen Blick Tisa von der Schulenburgs besonders deutlich zeigen.

 

01. Februar 2026 (Dr. Anna-Magdalena Heide)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (montan.dok) 030005940003, 030000274001, 030000292002.

 

Heide, Anna-Magdalena: Eine Welt, die anzieht und schockiert: Eine Gräfin unter Tage. Unter: https://www.bergbau-sammlungen.de/de/aktuelles/eine-graefin-unter-tage (Eingesehen: 25.11.2025).

 

Kösters, Klaus: Tisa von der Schulenburg. Kunst im Brennpunkt des Zwanzigsten Jahrhunderts, Münster 2014.

 

Schulenburg, Tisa von der: Begegnungen mit dem Bergbau, in: RAG Aktiengesellschaft (Hrsg.): Aus dem Dunkel ins Licht, Essen o. J., S. 34-63.

 

Schulenburg, Tisa von der: Menschen vor Ort. Zeichnungen aus dem Bergbau. Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum vom 11. Mai bis 12. Juni 1977, Bochum 1977.

 

Schulenburg, Tisa von der: Ich hab’s gewagt. Bildhauerin und Ordensfrau – ein unkonventionelles Leben, Freiburg/Basel/Wien 1983.

 

Schulenburg, Tisa von der: Meine dunklen Brüder. Als Bildhauerin unter Bergarbeitern, Freiburg/Basel/Wien 1984.

 

Türk, Klaus: „Labor omnia vi(n)cit.“ Arbeit ist Kampf. Wandlungen und Inversion eines kulturellen Leitbildes, in: Türk, Klaus (Hrsg.): „Die Organisation der Welt“. Herrschaft durch Organisation in der modernen Gesellschaft, Opladen 1995, S. 249-286.

 

Ullrich, Ferdinand: Kunst und Moral im Widerstreit. Das Werk der Tisa von der Schulenburg, in: RAG Aktiengesellschaft (Hrsg.): Aus dem Dunkel ins Licht, Essen o. J., S. 12-33.

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=107812; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=54491; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=252163; museum-digital.de. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1069371 (Eingesehen: 25.11.2025).