Direkt zum Inhalt

Frühe Formen der Betriebswirtschaft – Die Gräflich Lippe-Meinertzhagen'sche Bergverwaltung im 18. Jahrhundert

Die Gräflich Lippe-Meinertzhagen'sche Bergverwaltung verwaltete die älteste und größte Konzession des Bleibergbaus bei Mechernich. Eine Reihe ihrer Unterlagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert schafften es als Bestand BBA 60 in die archivische Überlieferung des montan.dok und zeigen beispielhaft Vorläufer einer betrieblichen Statistik in der Verwaltung eines Bleibergwerks in dieser Zeit.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts legte die Konzession Meinertzhagen die materielle Grundlage für die Gründung des Mechernicher Bergwerks-Aktien-Vereins. Begonnen hatte die lange Geschichte der Konzession mit der namensgebenden Familie Meinertzhagen. Diese war ursprünglich eine Kaufmannsfamilie gewesen, die schon seit Mitte des 15. Jahrhunderts in Köln ansässig war und dort mit Blei handelte. Ihre direkte Involvierung im Bleibergbau bei Mechernich begann 1629, als Johann Meinertzhagen gemeinsam mit zwei weiteren Kaufleuten von Philipp Karl Fürst von Arenberg mit einer Konzession in der Herrschaft Kommern belehnt wurde. Nach und nach wurde der Bergbau-Besitz ausgebaut und ging 1720 durch Austritt der zuvor mitbeteiligten Kaufleute in den alleinigen Besitz der Meinertzhagens über. 

 

Der erste Stollen der Konzession wurde 1630 in der Nähe des Ortes Roggendorf (heute ein Stadtteil von Mechernich) am Ufer des Bleibachs angesetzt und von dort südlich vorgetrieben. Als Felder waren bei der Belehnung Peterheid, Bach, Schafsberg und Kohlhau bestimmt worden. Später kam noch Frauenbusch hinzu, während Peterheid und Bach zusammengelegt wurden.

 

Abgebaut wurden so genannte Knotten. Hierbei handelt es sich um etwa erbsengroße Körner aus quarzbewachsenem Bleiglanz (Bleisulfid), die von weicherem Sandstein umgeben sind. Der Knottensandstein wurde von Gruppen aus jeweils zwei Bergarbeitern aus der Gesteinsschicht gehauen, und die Knotten wurden dann von zwei weiteren Jungbergleuten in mehreren Schritten vom Sandstein gelöst. Die so gewonnenen Knotten förderte man anschließend zu Tage und verarbeitete sie dort weiter. Die Fördermenge wurde in Karren oder Karschen gemessen (10 Karschen = 1 Karren). Der Lohn der Bergleute wurde dementsprechend als Karrengeld bezeichnet, wobei für die Nutzung der Gerätschaften ein Anteil abgezogen wurde. 

 

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde der bei Mechernich geförderte und auf Pochwerken weiterverarbeitete Bleiglanz (oder auch Alquifour) vorwiegend zur Herstellung von Glasuren für Keramiken verkauft. Dies lag wohl an einem, gemessen am Bleigehalt, zumeist höheren Verkaufswert von Bleiglanz gegenüber Bleimetall. Darüber hinaus trug der in der Eifel übliche, geringe Silbergehalt zu einer besseren Qualität der Glasur bei. Bestätigt wurde diese hohe Qualität auch durch Kontrollen beim Handel über Köln, weshalb das feine Pulver auch als „Plomb de Cologne“ bezeichnet wurde. 

 

In Köln war die Familie Meinertzhagen wie viele bedeutende Kaufleute bereits im 17. Jahrhundert zusätzlich im Bankgeschäft involviert. Im 18. Jahrhundert gehörten sie dann u. a. als Hofbankiers der Herzöge von Jülich-Berg zu einem der ältesten und wichtigsten Bankhäuser Kölns und profitierten später auch direkt von ihrer Nähe zu dieser weiteren, im Bleibergbau bei Mechernich beteiligten Fürstenfamilie durch Möglichkeiten zum Stollenbau. Die Rolle als Hofbankier führte mit der Erhebung Gerhards von Meinertzhagen in den Reichsritterstand 1748 zugleich in die Adelung. 

 

Die im montan.dok überlieferten Dokumente des Bestandes beginnen 1764, drei Jahre nach dem Tod Gerhards von Meinertzhagen und der darauffolgenden, testamentarisch festgelegten Übernahme des gesamten Bergwerksbesitzes durch seinen ältesten Sohn Abraham. Es finden sich darin u. a. Schriftwechsel der in Köln ansässigen Bergwerksverwaltung mit den Führungskräften vor Ort, zusammengefasste monatliche Betriebsberichte derselben, Prozessakten zu Rechtsstreitigkeiten usw. Die Laufzeit des Archivbestandes endet 1852. Somit decken die Unterlagen die Zeitspanne ab, in welcher der Bleibergwerksbesitz über Elisabeth, die Tochter von Abraham, an die Familie ihres Ehemanns, die Grafen von Biesterfeld-Lippe, überging. Die Überlieferung endet ein Jahr vor der Übergabe des Bergwerksbestandes durch Julius Peter Hermann August zur Lippe an die ab 1850 mitbeteiligten Gebr. Kreuser und dem anschließenden Aufgehen im Mechernicher Bergwerks-Aktien-Verein. 

 

Die Bergverwaltung hatte entsprechend dem Wohnsitz der Familie von Meinertzhagen ihren Sitz ebenfalls in Köln und verwaltete ihren Bergwerksbesitz in der Eifel aus der Ferne. Die Akte montan.dok/BBA 60/2 enthält zum Beispiel die zusammengefassten monatlichen Betriebsberichte für das Jahr 1766. Der großformatige Band mit Fadenheftung besteht vor allem aus handschriftlich ausgefüllten, tabellarischen Vordrucken auf Büttenpapier. Die Knickspuren lassen vermuten, dass die Formulare in der Eifel ausgefüllt und dann zusammengefaltet per Post nach Köln geschickt wurden. In der Verwaltung wurden sie dann nach erfolgter Bearbeitung zu jährlichen oder halbjährlichen Bänden zusammengefasst. 

 

Die Vordrucke wurden offenbar spezifisch für die Zwecke der Bergbauverwaltung Meinertzhagen angefertigt. Zum Beispiel sind in der „Berg-Gruben-Tabelle“ die Namen der Gruben bereits Teil des Vordrucks. Damit hatte sich bei der Verwaltung des Bleibergs 1766 bereits eine Routine in der Sammlung von Informationen über den Bergbaubetrieb mithilfe dieser Vordrucke etabliert. Wann diese Praxis begonnen hat, lässt sich schwer sagen, da der untersuchte Band der einzige in dieser Art überlieferte ist. Vermutlich hatte sie jedoch Vorläufer in handschriftlichen Tabellen, wie sie zum Teil darin wie auch in anderen Akten des Bestandes zu finden sind. 

 

Neben der ausführlicheren Berichterstattung in Briefform verraten die Vordrucke näheres darüber, welche Informationen für die Verwaltung als relevant erschienen. Gesammelt und eingetragen wurden diese von den jeweiligen Führungskräften vor Ort. Die bereits genannte „Berg-Gruben-Tabelle“ wurde z. B. von Grubensteiger Adam Ernst Messerschmidt bearbeitet und enthielt u. a. Informationen zum geschätzten Bleiglanzgehalt und der Menge der jeweils geförderten Knotten. Auch das Datum der Befahrungen, die Messerschmidt meist gemeinsam mit Stollenmeister Gottschalk erledigte, und der hierbei vorgefundene Zustand der Abbauarbeiten wurden abgefragt. Die Anmerkungen hierzu blieben meist knapp mit „dieße Arbeit ist gutt“ oder „dieße Arbeit ist mittelmäßig“. Gelegentlich erschwerten aber offenbar eintretende Grubenwasser die Arbeit („auf dießer Dieffe ist nichts zu hoffen biß nach dem Abzug der Waßer“). 

 

Für den Bericht über die Fördermenge und den damit verbundenen, auszuzahlenden Lohn war wiederum Knottenmeister Bertram Begart zuständig. Neben den zu erwartenden Zahlen wurden auch die Namen der Bergleute gelistet und sowohl ihre individuelle Leistung als auch die ihrer Mannschaft insgesamt festgehalten. Die Informationen zu den Bergleuten werden ergänzt durch handschriftliche Listen aus den Bänden mit dem gesammelten Schriftwechsel. Unter dem Titel „Regulierung der Berg-Arbeit, und der Bergleuten auf diesen Gruben und Schächten“ finden sich Tabellen, in welchen die Namen der Bergleute, geordnet nach Schächten, ihre Wohnorte und ihre Arbeitszeit in Jahren notiert sind. Weitere Vordrucke wie auch handschriftliche Tabellen erfassten die Leistungen und Vorräte der Hütten und des Pochwerkes, die Ausgaben bei Reisen, die Kosten für die Verpflegung der Führungskräfte etc.

 

Das Sammeln von Informationen der Bergverwaltung ging damit insgesamt über einen rein kaufmännischen Zweck des Erfassens von Einnahme- und Ausgabequellen hinaus. Sowohl für die rudimentäre Qualitätskontrolle des Erzes als auch für die Kontrolle der erbrachten Arbeit wurden Daten gesammelt, erfasst und weiterverarbeitet. In Ansätzen lassen sich hier bereits Vorgänger von Betriebsstatistiken erkennen. Zugleich zeigt sich die von Lars Behrisch beschriebene, zunehmende Bedeutung von Maß und Zahl im 18. Jahrhundert, die ein „mit normativer Geltungskraft ausgestattete[s], neue[s] Ordnungsprinzip des Wissens“ zur Folge gehabt habe. Nicht nur Fürsten setzten auf den Schein einer verbesserten Steuerbarkeit ihrer menschlichen und sachlichen Ressourcen durch deren Vermessung. Auch die Bergbauverwaltung machte durch Datenerhebung scheinbar den Wert des geförderten Erzes wie auch den der Arbeit der Bergarbeiter messbar und damit steuerbar. Indirekt wurde durch das gesammelte Festhalten der einzelnen Ergebnisse in (halb-)jährlichen Bänden zugleich die erbrachte Förderleistung der einzelnen Bergarbeiter in Bezug zu den Einnahmen des gesamten Unternehmens gesetzt.

 

Die Unterlagen zur Gräflich Lippe-Meinertzhagen'sche Bergverwaltung eröffnen die Möglichkeit, diese und weitere Forschungsperspektiven zum Bleibergbau des 18. und 19. Jahrhunderts in der Eifel zu untersuchen. Der 1975 vom wenige Jahre zuvor gegründeten Bergbau-Archiv Bochum übernommene Bestand kann vor Ort im montan.dok eingesehen werden. 

 

01. Juli 2026 (Rebecca Schröder, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 60/1-3, 13.

 

Behrisch, Lars: Vermessen, Zählen, Berechnen des Raums im 18. Jahrhundert, in: Ders. (Hg.): Vermessen, Zählen, Berechnen. Die politische Ordnung des Raums im 18. Jahrhundert, Frankfurt/New York 2006, S. 7-25.

 

Imle, Fanny: Der Bleibergbau von Mechernich in der Voreifel. Eine wirtschafts- und sozialpolitische Studie, Jena 1909.

 

Irsigler, Franz: Rheinisches Kapital in mitteleuropäischen Montanunternehmen des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Historische Forschung 3, 1976, Heft 2, S. 145-164.

 

Knauf, Norbert: Die Blei-, Silber- und Goldgewinnung bei Mechernich in der Eifel. Von innovativen Bleihütten und Umweltbelastungen, in: Eifeljahrbuch, Düren 2023, S. 97-112.

 

Knauf, Norbert: „Kölnisch Blei“ oder „Plomb de Cologne“ – eine Spezialität aus der Nordeifel für die Märkte der Welt, in: Pierres et Terre N° 39 2023. Tagungsband 24. Internationaler Bergbau- und Montanhistorik-Workshop. Sainte-Marie-aux-Mines, Frankreich, Soultz 2023, S. 143-155.

 

Krüger, Alfred: Das Kölner Bankiergewerbe vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1875, Essen 1925 (= Veröffentlichungen des Archivs für Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsgeschichte, Bd. 10).

 

Malsch, Fritz: Die Protokolle des Berggedings der Freiherrlichkeit Kommern. Aus der Geschichte des Bleibergbaus, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 170, 1968, S. [268]-274.

 

Oeynhausen, Karl von/Dechen, Ernst Heinrich Karl von: Der Bleiberg bei Commern, in: Karsten, Carl Johann Bernhard (Hrsg.): Archiv für Bergbau und Hüttenwesen, Berlin 1825, S. 60-133.

 

Perlitz, Uwe: Das Geld-, Bank- und Versicherungswesen in Köln 1700-1815, Berlin 1976 (= Schriften des Instituts für das Spar-, Giro- und Kreditwesen an der Universität Bonn, Bd. 84).

 

Schmitz, L./Zander, H.: Die Bleibergwerke bei Mechernich und Commern. Nach handschriftlichen und gedruckten Quellen, Mechernich/Commern 1882.

 

Vogler, Georg: Der Text als Bild. Anregungen zu einer Geschichte der Verwaltungsrationalisierung mit Hilfe von „Formularen“ seit dem Mittelalter, Vortrag auf der Jahrestagung des IADM, Hamburg, 7.-9.11.2003. Unter: https://epub.ub.uni-muenchen.de/24860/1/VogelerIADM2003.pdf (Eingesehen: 17.06.2026).