Kunst und Kommunikation: Das Bernsteinalbum für Bergrat August Dorsemagen (1881-1935)
Die oft zitierte kulturprägende Kraft des Bergbaus fand nicht zuletzt in zahlreichen Kunst- und kunsthandwerklichen Objekten in unterschiedlichen Verwendungskontexten ihren sichtbaren Ausdruck. Gerne wurden sie auch als repräsentatives Geschenk an wichtige Persönlichkeiten außerhalb des Unternehmens, aber ebenso an höherrangige Unternehmensangehörige zu besonderen Anlässen, zu Dienstjubiläen oder zum Ausscheiden aus dem Unternehmen überreicht. Sie sollten an ein besonderes Ereignis bzw. eine Zeitspanne erinnern, eine besondere Wertschätzung zum Ausdruck bringen und damit dauerhaft die Bande zwischen Schenker und Beschenktem festigen. In diesem spezifischen Verwendungskontext erlangte die Fotografie als ein dezidiert bürgerliches Medium im ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend Bedeutung. Meist handelte es sich dabei um Porträtalben, in denen der Kollegenkreis des Beschenkten häufig ergänzt durch Aufnahmen aus dem Werk zur Abbildung gelangte. Als typische Beispiele sind an dieser Stelle bereits die aufwändig gestalteten Geschenkalben an den preußischen Oberberghauptmann Albert Ludwig Serlo (Farrenkopf 2024) und an den Geschäftsführer des Vereins für die bergbaulichen Interessen Gustav Natorp (Przigoda 2021) vorgestellt worden.
Hier reiht sich auch das schmuckvoll gestaltete Bernsteinalbum ein, das Bergrat August Dorsemagen zu seinem Ausscheiden als Direktor der Staatlichen Bernstein-Manufaktur (SBM) in Königsberg (Ostpreußen) 1932 oder 1933 übergeben worden ist (montan.dok 030004120001). Das Album misst 39 x 36 cm und ist in rotbraunem Leder eingebunden. Auf dem Vorderdeckel ist eine Fläche von 32 x 32 cm mit Bernsteinplättchen belegt. Form und Anordnung der Plättchen ergeben ein schmuckvolles Radialstrahlmuster, das sich nach den Außenkanten hin verbreitert. Für die Plättchen wurde ausschließlich schön gezeichneter, undurchsichtiger Bernstein der Bastard-Variante verwendet. In der Mitte der Einlegearbeit prangt ein silbernes Emblem mit einem Adler über dem Schriftzug PREUSSAG und dem traditionellen Bergbausymbol Schlägel und Eisen. Die Schließe ist aus Silberblech gefertigt und trägt die Buchstaben SBM (Staatliche Bernstein-Manufaktur) und die Zahl 935 für den Silbergehalt.
Das Album enthält 48 Seiten mit 72 Schwarzweißfotografien in unterschiedlichen Formaten. Die Aufnahmen zeigen die Verwaltungs- und Werksgebäude der SBM in Königsberg und Danzig mit den Arbeitszimmern der Direktoren, die Gewinnung des Bernsteins unter Tage und im Tagebau sowie dessen Weiterverarbeitung. Ungewöhnlich breiten Raum nehmen die vielfältigen kunsthandwerklichen Endprodukte und die Inklusien ein, denen mit 28 Seiten über die Hälfte des Albums gewidmet ist. Auffällig ist auch das weitgehende Fehlen von Menschen. Sie erscheinen nur auf einigen Werksaufnahmen als gleichsam notwendiges Beiwerk sowie dann auf einer einzigen Aufnahme am Ende des Albums, das den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg mit drei weiteren, nicht identifizierten Personen beim Betrachten der bekannten Bernstein-Kogge zeigt.
Der derart beschenkte August Dorsemagen wurde am 26. September 1881 geboren und durchlief die Ausbildung zum staatlichen Bergbeamten. 1919 wurde er zum Bergassessor ernannt, und im Jahr darauf begann er seine Karriere als Angestellter bei den damaligen Bernsteinwerken in Königsberg. 1924 übernahm die Preussag AG das Werk und baute nach der Fusion mit der Hugo Barth AG zur neu gegründeten Staatlichen Bernstein-Manufaktur (SBM) seine Anteilsmehrheit weiter aus. Im gleichen Jahr wurde Dorsemagen Direktor der SBM-Dependance in Danzig, bevor er 1928 die gleiche Funktion in der Hauptstelle in Königsberg übernahm. Seit 1933 wechselte er dann innerhalb kurzer Zeit mehrfach Ort und Stellung innerhalb des Preussag-Konzerns – die näheren Umstände und Gründe hierfür bleiben im Dunkeln. 1933 war er zunächst bei der Saline in Bad Dürrenberg tätig, 1934 dann als Badekommissar in Bad Oeynhausen und im weiteren Jahresverlauf als Direktor der Saline in Artern im thüringischen Kyffhäuserkreis. 1935 verstarb er im Alter von noch nicht einmal Mitte Fünfzig.
Das Album sowie ein Bernsteinkasten aus dem Privatbesitz von Karl-August Dorsemagen (1924-2000), Assessor des Bergfachs, vormaliger Leiter des Bergamts Gelsenkirchen und sehr wahrscheinlich ein Sohn von August Dorsemagen, wurden 1996/97 in der Sonderausstellung „Bernstein – Tränen der Götter“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zusammen mit einer Reihe weiterer Kunst- und Schmuckobjekte aus Bernstein präsentiert. Unter den hochwertigen Exponaten befand sich auch die prominente Bernstein-Kogge der „Wappen von Danzig“, damals eine Leihgabe der Preussag AG, heute im Besitz des Deutschen Bernsteinmuseums in Ribnitz-Dammgarten.
Nach Ende der Sonderausstellung stiftete Karl-August Dorsemagen beide Exponate, Bernsteinalbum und Bernsteinkasten, dem DBM. Dieser Überlieferungskontext über die Präsentation in der Ausstellung hat offenkundig dann bei der endgültigen Übernahme der Objekte im Januar 1998 dazu geführt, dass nicht nur der Bernsteinkasten, sondern auch das Album als Kunstobjekt gedeutet und den Musealen Sammlungen und nicht der Fotothek zugeordnet worden ist.
Die Mehrdeutigkeit des Albums als kunsthandwerkliches Museums- und Erinnerungsobjekt, als Kommunikationsmedium und last but not least auch in seinem dokumentarischen Gehalt als visuelles Zeitzeugnis des damaligen Bernsteinbergbaus in Ostpreußen illustriert beinahe idealtypisch die quer zu den klassischen Dokumentationsbereichen liegenden Bezüge historischer Überlieferungen im montan.dok.
01. Mai 2026 (Dr. Stefan Przigoda)
- Literatur
Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum/Museale Sammlungen 030004120001.
Attula, Axel: Deutsches Bernsteinmuseum Ribnitz-Dammgarten. Die Bernsteinsammlung der TUI AG Hannover nach 80 Jahren im DBM wieder vereint, in: Bernstein-Magazin, 2025, S. 64-69.
Deutschen Bernsteinmuseums im Kloster Ribnitz, Ribnitz-Dammgarten. Unter: https://www.deutsches-bernsteinmuseum.de/ (Eingesehen: 16.04.2026).
Farrenkopf, Michael: Preußische Bergbeamte im Porträt: Zwei bedeutsame Fotoalben als Geschenke an Oberberghauptmann Albert Ludwig Serlo. Unter: https://www.bergbau-sammlungen.de/de/aktuelles/preussische-bergbeamte-im-portraet (Eingesehen: 21.04.2026).
Farrenkopf, Michael/Przigoda, Stefan: Visuelle Ordnungen, gestaltete Repräsentation und Erinnerung: Historische Fotoalben aus dem deutschen Bergbau im Montanhistorischen Dokumentationszentrum beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum, in: Hägele, Ulrich (Hrsg.): Kuratierte Erinnerungen: das Fotoalbum, Münster 2023, S. 117-133 (= Visuelle Kultur. Studien und Materialien, Bd. 15).
Ganzelewski, Michael (Hrsg.): Neue Erkenntnisse zum Bernstein. Internationales Symposium im Deutschen Bergbau-Museum, Bochum, 16. - 17. September 1996, Bochum 1997 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 66).
Ganzelewski, Michael/Slotta, Rainer (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. [Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum, 15. September 1996 bis 19. Januar 1997], 2. Auflage, Essen 1997 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 64).
Przigoda, Stefan: „Seinem hochverdienten Geschäftsführer Doctor Natorp zur Erinnerung an 25jährige Thätigkeit“. Unter: https://www.bergbau-sammlungen.de/de/aktuelles/geschaeftsfuehrer-doctor-natorp-zur-erinnerung (Eingesehen: 21.04.2026).
Slotta, Rainer: Die Bernsteingewinnung im Samland (Ostpreußen) bis 1945, in: Ganzelewski, Michael/Slotta, Rainer (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. [Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum, 15. September 1996 bis 19. Januar 1997], 2. Auflage, Essen 1997 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 64), S. 169-214.
Stremmel, Ralf: Repräsentationsalben und frühe Fotografie des „Bochum Vereins für Bergbau und Gussstahlfabrikation“, in: Parak, Gisela (Hrsg.): Bilder aus den Bergwerks- und Hüttenbetrieben. Auftragskontexte fotografischer Repräsentationsalben (1890-1920), Halle (Saale) 2019, S. 116-135.