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Das Kupfer Ihrer Majestät

Seit nunmehr 70 Jahren ist Elisabeth II. Königin des Vereinigten Königreichs und erlebte in diesem Zeitraum die Transformation des British Empire zum Commonwealth of Nations mit. In den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) befindet sich eine zypriotische Münze, die ein Porträt der Königin zeigt und gewissermaßen Zeitzeugin dieses Wandels ist. Die 1955 geprägte Kupfermünze zirkulierte erst in der britischen Kronkolonie und seit 1960 in der nun unabhängigen Republik Zypern bis sie 1975 schließlich in das Deutsche Bergbau-Museum Bochum gelangte.

 

Wieso aber wurde ein derartiges Objekt überhaupt in die Sammlungen eines Bergbaumuseums aufgenommen (montan.dok 033304478001)? Am monetären Wert der von Dr. Gerd Weisgerber gestifteten Münze wird es wohl nicht gelegen haben. Die Prägung des Geldstücks fand parallel zur Einführung einer Dezimalwährung auf Zypern statt. Sein Wert entsprach fünf „Mils“, also einem Zweihundertstel eines Zypern-Pfunds. Ebenso ist kein besonderes Interesse Gerd Weisgerbers an Porträts Elisabeths II. im Allgemeinen überliefert. Vielmehr dürfte sich der seit 1973 am Deutschen Bergbau-Museum Bochum tätige Montanarchäologe für die Abbildung auf der Rückseite der Münze interessiert haben. Zu sehen ist – laut der 1975 erstellten Karteikarte der Museumsdokumentation – eine „Gottheit mit Kupferbarren“. Im Zuge des Projekts „montan.dok 21“ wurde der Objektdatensatz allerdings dokumentarisch überarbeitet und die wesentlich neutralere Beschreibung „Kupferbarrenträger mit geschultertem Kupferbarren (Ochsenhautbarren)“ gewählt.

 

Figürliche Darstellungen von Kupferbarrenträgern finden sich in großer Zahl bei spätbronzezeitlichen, aus dem Mittelmeerraum stammenden Gefäßuntersetzern wieder. Insbesondere die Darstellung eines Kupferbarrenträgers, die sich seit 1920 im British Museum befindet und möglicherweise aus Kourion auf Zypern stammt, ähnelt dem Motiv auf der Münze sehr. Es ist durchaus denkbar, dass diese Darstellung als direktes Vorbild gedient haben könnte. Aufgrund ihrer an eine gespannte Rinderhaut erinnernden Form werden derartige Barren in der Forschung als Ochsenhautbarren bezeichnet. Diese sind an zahlreichen bronzezeitlichen Fundstellen im Mittelmeerraum, aber auch vereinzelt im heutigen Deutschland und Skandinavien entdeckt worden. Materialanalytische Untersuchungen deuten indessen darauf hin, dass das verwendete Kupfer zum Großteil aus der Lagerstätte Apliki auf Zypern stammen könnte. Damit repräsentieren Ochsenhautbarren das weitreichende Handelsnetzwerk zu dieser Zeit. Sie wurden zahlreich im Schiffswrack von Uluburun gefunden, dem das Deutsche Bergbau-Museum Bochum in den Jahren 2005 und 2006 eine große Sonderausstellung widmete (Das Schiff von Uluburun – Welthandel vor 3000 Jahren). Weitere Darstellungen finden sich im Rundgang Bergbau der Dauerausstellung.

 

Visuelle Darstellungen von Barrenträgern und Ochsenhautbarren zeigen, welch große Bedeutung der Kupferbergbau für die bronzezeitliche Bevölkerung Zyperns hatte. Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch die auf einem Ochsenhautbarren stehende Statuette des so genannten Barrengottes, von der sich eine Nachbildung in den Musealen Sammlungen des montan.dok befindet (montan.dok 080170965001). Bilder und Symbole spielen aber auch im Allgemeinen und in der Gegenwart eine wichtige Rolle in den Themenbereichen Politik, Gesellschaft und Identitätsbildung. Die in diesem Artikel betrachtete Münze bildet da keine Ausnahme.

 

Das Porträt Elisabeths II. auf der Vorderseite symbolisiert die britische Kolonialherrschaft über Zypern. Nach 300 Jahren unter osmanischer Herrschaft war die Insel 1878 zunächst britisches Protektorat geworden und wurde 1914 dann im Zuge des Ersten Weltkriegs annektiert. Im Jahre 1925 wurde Zypern – natürlich inklusive der reichhaltigen Kupferlagerstätten – schließlich britische Kronkolonie. Unter britischer Herrschaft gelangten zahlreiche archäologische Hinterlassenschaften – so wie auch der beschriebene Gefäßuntersetzer – von Zypern nach Großbritannien. Währenddessen verstärkte sich unter den Zyprioten der Wunsch nach Unabhängigkeit und unter den griechischen Zyprioten auch der Wunsch nach einem Anschluss an Griechenland.

 

Der Kupferbarrenträger auf der Rückseite wiederum zeigt auf, dass Bilder und Symbole eine augenfällige Rolle in der Gegenwart spielen können, auch wenn sie aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit stammen. Mit der Abbildung des Kupferbarrenträgers wird eine Verbindung zwischen dem Zypern des Jahres 1955 und den dort vor über 3000 Jahren lebenden und arbeitenden Menschen hergestellt. Ob damit in diesem konkreten Fall eine kulturelle oder gar ethnische Kontinuität angedeutet werden sollte, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Es steht jedoch fest, dass es weltweit im Kontext der Nationalstaatenbildung, der Legitimation von kultureller oder gar ethnischer Identität und auch territorialer Konflikte immer wieder zu einer problembehafteten Wechselwirkung zwischen archäologischer Interpretation und politischen Interessen gekommen ist. Dies trifft im Speziellen auch auf Zypern zu.

 

1955, also im Jahr der Münzprägung, nahm der Unabhängigkeitskampf mit der Gründung der griechisch-zypriotischen Untergrundorganisation „Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer“ allmählich Fahrt auf. 1960 wurde schließlich die unabhängige Republik Zypern gegründet, die zudem dem Commonwealth of Nations beitrat. Der anschließend zunehmende Konflikt zwischen griechischen und türkischen Zyprioten gipfelte 1974 in der Teilung der Insel. Bis heute ist der Zypernkonflikt nicht abschließend gelöst.

 

Die hier behandelte zypriotische Münze verdeutlicht, wie überaus heterogen die Musealen Sammlungen des montan.dok sind. Die gesammelten Objekte erzählen uns nicht nur Geschichten über den deutschen Steinkohlenbergbau, sondern auch spannende Episoden aus der Archäologie und Weltgeschichte.

 

01. Februar 2022 (Andreas Ketelaer, M. Sc.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) 033304478001, 080170965001

 

Gale, Noël H./Stos-Gale, Zofia A.: The role of the Apliki mine region in the post c. 1400 BC copper production and trade networks in Cyprus and in the wider Mediterranean, in: Kassianidou, Vasiliki/Papasavvas, George (Hrsg.): Eastern Mediterranean Metallurgy and Metalwork in the Second Millenium BC. A conference in honour of James D. Muhly. Nicosia, 10th-11th October 2009, Oxford 2012, S. 70-82.

 

Hauptmann, Andreas/Laschimke, Ralf/Burger, Maria: On the making of copper oxhide ingots: evidence from metallography and casting experiments, in: Archaeological and Anthropological Sciences 8, 2016, S. 751-761.

 

Knapp, A. Bernard/Antoniadou, Sophia: Archaeology, politics and the cultural heritage of Cyprus, in: Meskell, Lynn (Hrsg.): Archaeology Under Fire. Nationalism, Politics and Heritage in the Eastern Mediterranean and Middle East, London 1998, S. 13-43.

 

Papasavvas, George: The Iconography of the Oxhide Ingots, in: Schiavo, Fulvia Lo u.a. (eds.): Oxhide Ingots in the Central Mediterranean, Rom 2009, S. 83-132.

 

Richter, Heinz A.: Historische Hintergründe des Zypernkonflikts, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 12/2009, 2009, S. 3-8.

 

Sabatini, Serena: Revisiting Late Bronze Age oxhide ingots: Meanings, questions and perspectives, in: Aslaksen, Ole Christian (Hrsg.): Local and Global Perspectives on Mobility in the Eastern Mediterranean, Athen 2016 (= Papers and Monographs from the Norwegian Institute at Athens, Vol. 5), S. 15-62.

 

Yalçın, Ünsal (Hrsg.): Das Schiff von Uluburun. Welthandel vor 3000 Jahren. Katalog der Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vom 15. Juli 2005 bis 16. Juli 2006, Bochum 2005 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 138).

 

Coins of the Cypriot pound, in: Wikipedia. Unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Coins_of_the_Cypriot_pound (Eingesehen: 06.01.2022).

 

Vierseitiger Gefäßuntersatz in der Datenbank des British Museum: https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1920-1220-1 (Eingesehen: 06.01.2022).

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches+Dokumentationszentrum&ref=69274 und museum-digital. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1068662 (Eingesehen: 28.01.2022).