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Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Die Sammlung historischer Modelle im Deutschen-Bergbau-Museum Bochum

Die fortschreitende Digitalisierung hat auch vor dem Museumswesen keinen Halt gemacht. Was heute häufig am Rechner geschieht, war früher reine Handarbeit: der Modellbau. Viele moderne Ausstellungen integrieren die digitalen Möglichkeiten der Vermittlung in ihre Rundgänge. Seltener als früher findet man den klassischen Modellbau, der dazu dient, Funktionsweisen zu erklären, zu veranschaulichen oder Entwicklungen darzustellen.

 

Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum schuf in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens eine Vielzahl von Modellen, um Besuchende und Bergschülern vor allem die Bergbautechnik nahezubringen. Dies ergab sich daraus, dass die in der Sammlung befindlichen Modelle zwar als wertvoll, aber unzureichend angesehen wurden. Es taten sich Lücken bei bestimmten Themen auf, Maßstäbe waren unpassend oder die erklärende Funktion wurde nicht vollends erfüllt. Bergbauzulieferer stifteten zusätzlich eine Reihe von Modellen in Form von Nachbildungen oder Messemodellen, daher verdient die Beziehung zwischen dem Museum und bergbautechnischer Firmen eine eigene Betrachtung. Der Fokus soll an dieser Stelle auf der klassischen Handwerkskunst liegen.

 

Da der Arbeitsplatz des Bergmanns nicht einfach in einem Rundgang unter Tage erlebt werden konnte, war es besonders wichtig, auf alternativen Wegen eine Vorstellung von der Arbeitswelt zu schaffen. Die hauseigene Modellbauwerkstatt und das Modellplanungsbüro bestanden ab 1940. Etwa um diese Zeit erklärte der Gründungsdirektor Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann in einem Manuskript über den Aufbau des damaligen Bergbau-Museums, weshalb der Einsatz von Modellen aus seiner Sicht unerlässlich sei: „Es ist eine schwere Aufgabe, die ersten Anfänge der bergmännischen Technik wirklichkeitsgetreu zu erfassen und ebenso besonders schwer ist es, die bergmännischen Arbeitsvorgänge so allgemeinverständlich darzustellen, daß sie auch von nichtgeschulten Besuchern vollkommen verstanden werden. Solche Wiedergaben sind nur in Form von plastischen Modellen möglich, in denen der Arbeitsablauf mit allen Einzelheiten klar ersichtlich ist. Besonderer Wert wird dabei auf gute figürliche Darstellung der Menschen in ihrer charakteristischen Arbeitsstellung gelegt; bei der Arbeit benutzte Geräte werden bei der Arbeitsausführung charakteristisch eingesetzt“ (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/2222). Wenn möglich wurde Wert auf die Betriebsfähigkeit der Modelle gelegt, um deren Verständlichkeit zu erhöhen. Winkelmann sah den starken Einsatz von Modellen aller Art auch als besonderes Merkmal des Bergbau-Museums. Für die Besuchenden sollte die Ausstellung mehr sein, als „eine Sammlung ausgedienter, nicht mehr verwertbarer Gegenstände“, die er dennoch für unverzichtbar hielt, um die Grundlagen des technischen Fortschritts auch im Original zu zeigen. Die Ausstellung mit Modellen zu bestücken, war also ein museumspädagogisches Instrument: Teilweise durften die Funktionsmodelle von den Besuchenden selbst bedient und ausprobiert werden.

 

Gerade Kustos Julius Raub und Modellplaner Friedrich Sietz werden in der historischen Dokumentation immer wieder als verantwortliche Gestalter der Modelle genannt. Sie waren von 1937 bis 1968 bzw. von 1940 bis etwa 1967 im Museum angestellt, also genau zu der Zeit, als die meisten Modelle zu Ausstellungszwecken angefertigt worden sind. In der Modellbauwerkstatt ausgeführt wurden die Arbeiten u. a. von einem Modellbildhauer Schumacher, von dem im Wesentlichen nur bekannt ist, dass er von ca. 1941 bis 1956 am Museum angestellt war. Außerdem waren sowohl Schumacher als auch Sietz zuvor beim Modellwerk Koch in Köln tätig. Zu Schumachers Ruhestand lobte Winkelmann seine Arbeit in einer Abteilungsleiter-Sitzung der Westfälischen Berggewerkschaftskasse: „Die vielen Einbaumodelle, die das Bergbau-Museum besitzt, sind das Werk unseres Herrn Schumacher, der es vortrefflich verstanden hat, die gebauten Modelle so in ihre Umgebung zu stellen, daß der Besucher keine Mühe hat zu erkennen, was ihm vorgestellt werden soll“ (montan.dok/BBA 112/2218).

 

In den Akten des Museums, die als Archivbestand montan.dok/BBA 112: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Bochum, im Bergbau-Archiv Bochum bewahrt werden, werden noch andere Mitarbeiter der Werkstätten aufgeführt, wie z. B. weitere Modellmeister oder Bildhauer, die Werkstättenleitung oder die Posten des Modellpflegers. In der historischen Dokumentation der Musealen Sammlungen beschränken sich die Angaben allerdings auf Raub, Sietz und Schumacher bzw. auf eine allgemeine Nennung der Werkstätten in der Herstellerangabe. Außerdem geht aus den Angaben hervor, dass das Bergbau-Museum mit anderen Modellbauwerkstätten kooperierte. Einzelne Modellbestandteile waren zum Teil extern angefertigt worden, bevor das Gesamtmodell dann in der eigenen Werkstatt für die Ausstellung angepasst und fertiggestellt wurde. Schwerpunktmäßig arbeitete man laut den dokumentarischen Angaben z. B. mit der Modellbauwerkstatt Alfred Dirksen aus Köln zusammen, die ebenso wie andere Modellbaufirmen zudem auch mit Gesamtanfertigungen beauftragt wurde. Auch die Instandhaltungsarbeiten wurden intern und extern ausgeführt. Angaben zu Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten finden sich regelmäßig auf Karteikarten, die vor Aufkommen der EDV-gestützten Verwaltung zur Objektdokumentation verwendet worden sind.

 

Etwa 150 von Raub und Sietz gestaltete Modelle sind noch heute in den Musealen Sammlungen des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vorhanden. Viele dieser Modelle befanden sich bis zur Neugestaltung des Deutschen bergbau-Museums Bochum 2019 in der Dauerausstellung und veranschaulichten beispielsweise Techniken zum Thema Schachtfahrung, Bewetterung oder Grubenausbau. Raub berichtete in einem Vortragsmanuskript Mitte der 1950er-Jahre: „Die Größe und das Gewicht der im Bergbau eingesetzten Geräte und Maschinen bringt es mit sich, daß wir Original-Maschinen in unseren übertägigen Sammlungen nur im geringen Umfange ausstellen können. In den meisten Fällen müssen wir uns darauf beschränken, Modelle zu zeigen. Um aber diese der Wirklichkeit möglichst nahe zu bringen, muß das die Grubenbaue umgebene Gebirge mitgezeigt werden“ (montan.dok/BBA 112/2215). Der Herausforderung, die Umgebung unter Tage mit zu berücksichtigen, wurde mit eingebauten Modellen begegnet. Vor allem die Techniken der Schachtfahrung zeigte man mit einer ganzen Reihe von Dioramen, wie z. B. die Darstellung der Seilfahrt mit Förderkübeln (montan.dok 030008094001).

 

In der Ende März zu Ende gegangenen dritten Projektphase des Vorhabens montan.dok 21 wurde etwa ein Drittel der in den Musealen Sammlungen insgesamt vorhandenen historischen Modelle dokumentarisch aufgearbeitet. Einzelne Stücke, darunter auch Objekte, die aus der Modellbauwerkstatt stammen, wurden für die Testphase der 3D-Digitalisierung ausgewählt und per Streifenlichtscanner oder dem photogrammetrischen Verfahren „Structure from motion“ digitalisiert. Dazu zählen beispielsweise maßstäbliche Modelle, wie das eines englischen Skips, die Darstellung des Gelenkausbaus oder das Modell eines Bergmanns mit einer gefüllten Laufkarre, die auf dem Sketchfab-Kanal des montan.dok zu sehen sind .

 

So erwachen die Modelle zu neuem Leben und können nun weltweit ihrem ursprünglichen Zweck nachkommen, Bergbau und die Welt unter Tage zu vermitteln. Auch vor Ort haben besonders die Funktionsmodelle trotz der fortschreitenden Digitalisierung bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Ein Teil der historischen Modellbauten kann noch heute in der Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, insbesondere in den Rundgängen Steinkohle und Bergbau, besichtigt werden.

 

01. April 2022 (Maren Vossenkuhl, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 112/2210, 112/2215, 112/2218, 112/2222, 120/630

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) 030008094001, 030170501001, 030090213001, 030009084001

 

Online Platformen: Sketchfab. Unter: https://sketchfab.com/3d-models/gelenkausbaumodell-bc6a85029e8d48cabe92db3c266838ee, https://sketchfab.com/3d-models/modell-lauf-oder-kreuzkarre-a4191ea8e2004cc28a2a4ff40f81749a und https://sketchfab.com/3d-models/englischer-skip-625eb4944c3049e09e1a648fdceb3a37 (Eingesehen: 29.03.2022).