Von Plastik und Plastiken – Industrie und Kunst
Der Firmenprospekt von Hoesch, auf dem die Röhren abgebildet sind, ist ein selten überliefertes Dokument, das im Montanhistorischen Dokumentationszentrum/Bergbau-Archiv Bochum aufbewahrt wird (montan.dok/BBA FP 535/1). Für die roten Röhren Janošeks könnten aber Gräsels Plastiken durchaus Pate gestanden haben. Gräsel arbeitete eng mit Firmen zusammen, darunter den Eternit-Werken in Berlin-Rudow und Neubeckum. Die Röhrenlandschaft in Dortmund war aus diesem Faserzementstoff hergestellt. Mit dem damaligen Bergbau-Museum Bochum zusammen veranstaltete Gräsel dann 1975 eine Ausstellung in der Maschinenhalle Zollern II in Dortmund-Bövinghausen unter dem Titel „Identifikationen“. In der zweiten Jahreshälfte 1975, dem Jahr des Europäischen Denkmalschutzes, wurde hier der Blick auf technische Denkmäler und verschiedene künstlerische Interventionen gelegt; Plakat und Ausstellungsbroschüre zeigen in schwarz-weiß das Fragment einer Industrieanlage, losgelöst vom ehemaligen Kontext: das Gichtgasrohr an den zu dem Zeitpunkt bereits abgerissenen Hochöfen des ehemaligen Bochumer Vereins. Die Begleitbroschüre enthält auch die Röhrenlandschaft Gräsels in Dortmund in der damaligen Aufstellung und Ausrichtung auf die Gichtgasrohre und Hochöfen von Hoesch in Hörde. Die Röhrenlandschaft ist erhalten; in den 1980er-Jahren wurden die einzelnen Objekte allerdings neu arrangiert.
Janošek, der Ende der 1960er-Jahre aus der früheren Tschechoslowakei nach Westdeutschland gekommen war und bis zu seinem Tod in Köln lebte, erhielt von 1969 bis 1972 Aufträge durch den in Dortmund ansässigen Stahlkonzern Hoesch. Bereits 1970 war Janošek an einer Plastik für Hoesch auf der Hannover Messe beteiligt. Im gleichen Jahr beschrieb Hoesch diese Zusammenarbeit mit Janošek: „Hoesch-Profile werden Kunst“: Eine drei Meter hohe Arbeit von Janošek, die Hoesch bereits auf mehreren Messen ausgestellt hatte, wurde in der Werkszeitschrift „Werk und Wir“ vorgestellt (Werk und Wir 1970, H. 12, S. 342).
Das Motto von Hoesch auf der Hannover Messe 1971 war „Stahl aktiv“, dementsprechend wurden so genannte kinetische Objekte – Objekte, die Bewegung vermitteln – präsentiert. Zu diesen Objekten zählte eine fünfeinhalb Meter hohe Plastik aus Stahlprofilen, ähnlich einem Baum mit rund dreizehn Metern spannenden „Ästen“, die sich drehte. Gemeinsam mit dem Architekten und Messegestalter Wolfgang Schneider (geb. 1948) hatte Janošek den gesamten Ausstellungsraum für Hoesch vorbereitet. Gruppiert um die „Baum“-Plastik waren Hoesch-Produkte aus dem Schmiedeprogramm der Hoesch Rothe Erde Schmiedag AG, Güterohre der Hoesch-Röhrenwerke AG, Federungselemente der Hoesch Werke Hohenlimburg Schwerte AG, Grob-, Mittel-, Fein- und Feinstbleche der Hüttenwerke sowie oberflächenveredelte Bleche und Bänder der Marken Platal, Pladur, Bondal und Zincal der Hoesch-Tochtergesellschaft Trierer Walzwerk AG. Im Außenbereich vor dem Messehaus befanden sich die rot mit Platal ummantelten Rohre als „Stahlrohrgebilde“, die auf dem Firmenprospekt abgebildet wurden (Werk und Wir 1971, H. 6, S. 153 und rückwärtiger Einband, Werk und Wir 1972, H. 1, S. 2-3). Ihr Verbleib ist leider bislang unbekannt. „Bunte und vielfältige Erscheinungsformen“ waren das Ziel von Hoesch.
Hoesch hatte Platal erstmals 1959 der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei der Bewerbung von Platal wurde die Farbe Rot häufig und kontrastreich gezeigt. Frühe Abbildungen zeigen rot beschichtetes Stahlblech, das aus der grau-grünen Beschichtungsanlage bei der Trierer Walzwerk AG kam, und als rotes Coil wurde es auch auf Werbeblättern präsentiert.
Plastiken aus Stahlprofilen, möglicherweise diejenigen, die Hoesch auf Messen gezeigt hatte, wurden später in Dortmund vor der Industrie- und Handelskammer und in der Innenstadt von Schwerte aufgestellt. Der Verbleib der Dortmunder Plastik ist nach umfangreichen Umbaumaßnahmen bislang noch ungeklärt. Die Plastik in Schwerte wurde im Rahmen von Straßenbauarbeiten (temporär?) entfernt. Leider sind damit wesentliche Zeugnisse aus dem Werk Janošeks der ersten Jahre in Westdeutschland und aus der Zusammenarbeit mit der Stahlindustrie weitgehend aus dem Bewusstsein gerückt.
Der seltene Firmenprospekt des Hoesch Handels und die Zeitschrift „Werk und Wir“ werden als Zeugnisse u. a. der Röhrenobjekte im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum verwahrt. Sie sind zwar nur ein kleiner Ersatz aber dennoch wichtige Dokumente für die Großplastiken, die heute vielfach verloren oder verschollen sind.
01. März 2026 (Dr.-Ing. Silke Haps)
- Literatur
Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (BBA) FP 535/1.
Apfelbaum, Alexandra: Von Halbzeugen und Herzensangelegenheiten – Der Nachlass des Künstlers Friedrich Gräsel im Universitätsarchiv Bochum, in: Die Henne. Beiträge zur Geschichte der Ruhr-Universität Bochum 2020, H. 6, S. 7-40.
Brunsiek, Sigrun: Röhrenlandschaft. Unter: https://nrw-skulptur.net/skulptur/roehrenlandschaft/ (Eingesehen: 05.02.2026).
Gräsel, Friedrich: Identifikationen. Ausstellung des Bergbau-Museums Bochum in der Maschinenhalle Zollern II in Dortmund-Bövinghausen vom 9. September bis zum 18. Oktober 1975 [Kataloggestaltung: Gräsel, Friedrich/Cremer, Artur; Redaktion: Kroker, Werner], Bochum 1975 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 8).
Haps, Silke: „Moderne Form – neue Baustoffe“. Das Fortschrittsversprechen „Fertighaus“ des Stahlunternehmens Hoesch in den 1960er-Jahren. Mit Beiträgen von Tobias Nolteklocke, Isolde Parussel, Maya Porat-Stolte, Thomas Schuetz und Lena Zirkel, Berlin/Boston 2025 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 263; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 49). Unter: https://doi.org/10.1515/9783111384184 (Eingesehen: 28.01.2026).
Janošek, Čestmír/Kaiser-Janošek, Irmgard: Vita. Unter: https://janosek.de/vita/ (Eingesehen: 28.01.2026).
o. V.: Kunststoff auf Stahl = PLATAL, in: Werk und Wir 7, 1959, H. 9, S. 299-304.
o. V.: Der Kuppelbau von Hoesch und Bayer: Vision neuen Bauens, in: Werk und Wir 18, 1970, H. 6, S. 168-173.
o. V.: Hoesch-Profile werden Kunst, in: Werk und Wir 18, 1970, H. 12, S. 342.
o. V.: Stahl aktiv: HOESCH. Hannover Messe `71, in: Werk und Wir 19, 1971, H. 6, S. 150-155.
o. V.: Hoesch Messekalender 1971, in: Werk und Wir 20 (fälschlich als Bd. 23 bezeichnet), 1972, H. 1, S. 2-3.
Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=4047; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=252365; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=293835 (Eingesehen: 29.01.2026).
Mein Dank gilt Moritz Pillunat für Recherchen zu den Stahlplastiken Čestmír Janošeks in Dortmund und Schwerte.