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Warum man immer einen linken Schuh dabeihaben sollte

Als am 28. November 1930 der Hauer Fritz Wienpahl auf der Zeche Victor 1/2 in Castrop-Rauxel bei einem Streb- und Streckenbruch verschüttet wird, tragen eine gute Portion Glück, die Beharrlichkeit seiner Kumpel und sein linker Schuh dazu bei, dass der 39-Jährige nach über 180 Stunden nahezu unversehrt geborgen werden kann. Dass in so einer Situation Glück hilft und echte Kumpel nicht von Nachteil sind, verwundert nicht. Doch wie kann ein einfacher schwarzer Lederstiefel mit Absatz und einer Fünflochschnürung einen verschütteten Bergmann vor dem Tod retten?

 

Details des Unglücks kann man der Schilderung zweier Bergleute entnehmen, die im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) samt Zeichnung vorliegen. Ihren Angaben nach ist es in der Nacht zum 28. November 1930 um 3:30 Uhr bei einem Austausch defekter Stempel zu einem Streb- und Streckenbruch gekommen, in deren Folge der Hauer Gatzmann getötet und der Hauer Wienpahl verschüttet wurde.

 

Eine umfangreiche Berichterstattung zu dem Unfall und der laufenden Rettung findet sich auch in der Presse. So geben zahlreiche tagesaktuelle Zeitungsbeiträge einen Einblick in die Bergungsaktion. Drei Tage nach dem Unfall weiß die Castrop-Rauxeler Volkszeitung von Lebenszeichen Wienpahls zu berichten. Dieser sei, nachdem man bislang von seinem Tod ausgegangen war, in guter Verfassung und könne sich über eine Rohrleitung, die er selbst habe freigraben müssen, mitteilen. Auch weiß die Zeitung bereits von dem Einsatz eines Schuhs, was insofern interessant ist, als dies in zahlreichen anderen Veröffentlichungen der folgenden Tage keine Erwähnung findet. Entweder lagen der Castrop-Rauxeler Volkszeitung hier detailliertere Quellen vor, oder – was wahrscheinlicher ist – dieses Detail wurde von den anderen vorerst als weniger relevant betrachtet. Der Rettungsversuch ist auch in den folgenden Tagen in der Öffentlichkeit präsent, der Einsatz eines Schuhs wird allerdings nicht mehr erwähnt. Die Tageszeitung Der Mittag, in Düsseldorf ansässig, berichtet am 03. Dezember 1930 über die komplizierte Bergung und weist stattdessen prominent in der Unterzeile der Überschrift auf „Preßluft als Lebensretter“ hin.

 

Der geheimnisvolle Schuh findet mutmaßlich erst wieder in der Ausgabe des Westfälischen Kämpfers vom 05. Dezember 1930 Erwähnung. Einem Reporter der Zeitung war es laut dem Artikel gelungen, einem Betriebsausschussmitglied der Zeche einige Fragen zu stellen. So kann die Zeitung von den Umständen des Todes des Hauers Gatzmann berichten, sowie den Schuh Wienpahls in den Fokus der Öffentlichkeit zurückbringen: „Auf eigenartige Weise führt man dem Eingeschlossenen Nahrung zu. Man gießt Milch und Fleischbrühe in das Rohr und durch Luftdruck gelangt sie auf die andere Seite des Bruches, wo sie W. in seinem Grubenschuh auffängt und trinkt.“ – Der Verschüttete nutzte seinen Schuh also als Trinkgefäß für Milch, Fleischbrühe und vielleicht auch Cognac oder Wein, hier sind die Quellen gespalten. Aus welchem Grund die Umfunktionierung des Stiefels für das Aufnehmen der Getränke aber so wichtig war, wird auch hier noch nicht zwingend deutlich.

 

Licht in dieses Dunkel bringt der Stadtanzeiger für Castrop-Rauxel und Umgebung am 12. Dezember 1930 – also knapp eine Woche nach Wienpahls Bergung – unter dem Titel „183 Stunden lebendig begraben. Hauer Wienpahl erzählt seine Verschüttung und Rettung“. In dem Text, welcher auch persönliche Aussagen Wienpahls enthält, wird ausführlich auf den Unfall, die Rettung und die Situation in der Gefahrenlage, aber ebenso auf die öffentliche Wirkung des Ereignisses eingegangen. So schreibt die Zeitung, das Unglück in Castrop-Rauxel sei obendrein in der internationalen Medienwelt ein Thema gewesen und sogar Vertreter aus der Unterhaltungsbranche wären an den Verunglückten herangetreten, um den Stoff unterhaltend zu verarbeiten. Wienpahl selbst kommt im Text insbesondere zur Rolle seines Schuhs zu Wort:

 

„Die Milch wurde in das Rohr gefüllt und mit der Preßluft hochgetrieben. Ich gedachte [sie] aus dem Schlauch zu trinken. Das ging ab[er] nicht, weil der Druck zu stark war. Not macht erfinderisch! Dazu lehrt sie au[ch] beten. Kurz entschlossen nahm ich meinen linken Sch[uh] und fing in ihm die Milch, die aus dem Schlau[ch] heraussprudelte, auf. Ich trank sie aus dem Schuh, indem ich sie üb[er] das Leder der Kappe in den Mund laufen lie[ß]. So gut hatte mir noch niemals etwas auf der Welt geschmeckt. – Ich hatte ja auch sch[on] zwei Tage überhaupt nichts mehr gehabt. Jetzt würde es mir aus dem Schuh wo[hl] nicht mehr schmecken. Aber in der Not frißt d[er] Teufel Fliegen! Übrigens wird der Schu[h] historisch werden. Er und der Schlauch sollen ga[lv]vanisiert und im Zimmer des zuständigen B[e]triebsführers Hoppe Aufbewahrung finden.“ [Fehlstellen durch Kopierverlust wurden durch den Autor ergänzt.]

 

An den letzten beiden Sätzen Wienpahls wird deutlich, welchen Stellenwert der Schuh durch seine Umfunktionierung zum rettenden Trinkgefäß bei den Beteiligten bereits unmittelbar nach den Ereignissen hat.

 

Folgerichtig ist der Schuh dann auch, wie oben im zitierten Zeitungsausschnitt von Fritz Wienpahl angekündigt, nach seiner Konservierung viele Jahre im Büro des Betriebsführers der Zeche Victor aufbewahrt worden. Am 27. Juli 1973 kam er samt Holzvitrine durch den Ausbildungsleiter Papendiek im Rahmen einer Schenkung in die Musealen Sammlungen des Deutsche Bergbau-Museums Bochum (montan.dok 030280150001 & 030280150002), wo seit den 1980er Jahren Teil der Dauerausstellung war. Vom 01. Oktober bis zum 07. November 2015 war der Schuh bei „POP UP! boscol“, einer Ausstellung des Zusammenschlusses Bochumer wissenschaftlicher Sammlungen und Archive, im Blue Square Bochum ausgestellt. Vom 27. April 2018 bis zum 11. November 2018 befand er sich in der gemeinsamen Sonderausstellung „Das Zeitalter der Kohle“ von Ruhr Museum und Deutschem Bergbau-Museum Bochum. Seit seiner Rückführung in die Musealen Sammlungen des montan.dok ist er – allerdings ohne die zugehörige Vitrine – als Ausstellungsstück in der neuen Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Rundgang „Steinkohle. Motor der Industrialisierung“ zu sehen. Hier steht er neben anderen Zeugnissen von Grubenunglücken, die nicht immer so einen glücklichen Ausgang für die betroffenen Bergleute hatten.

 

01. Dezember 2020 (Philip Behrendt)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030280150001 und 03028015002

 

Behrendt, Philip: Der Schuh des Jahrhunderts. Objektgeschichte – Bedeutung – Ausstellung. Arbeit im Rahmen des Seminars „Bochum Scientific Collections: Praktische und theoretische Einführung in das Arbeiten mit Objekten wissenschaftlicher Sammlungen und Archive“ an der Ruhr-Universität Bochum, Schwelm 2018.

 

Bochum Scientific Collections: POP UP! boscol. Begleitheft zur Ausstellung im Blue Square Bochum, Bochum 2015.

 

Brüggemeier, Franz-Josef/Farrenkopf, Michael/Grütter, Heinrich Theodor (Hrsg.): Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte, Essen 2018.

 

Castrop-Rauxeler Volkszeitung: Unter dem Bruch lebendig begraben (01.12.1930).

 

Der Mittag: Seit fünf Tagen lebendig begraben (03.12.1930).

 

Stadtanzeiger für Castrop-Rauxel und Umgebung: 183 Stunden lebendig begraben. Hauer Wienpahl erzählt seine Verschüttung und Rettung (12.12.1930).

 

Westfälischer Kämpfer: 100 Stunden im Bergwerk eingeschlossen. Noch immer lebend begraben (05.12.1930).