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Eiszeit im Deutschen Bergbau-Museum Bochum: 3D-Digitalisierung von historischen Modellen

Das Stichwort „3D“ ist schon seit langer Zeit in aller Munde und nicht nur in den Bereichen Film, Gaming oder Modelldruck ein fester Bestandteil. Auch im Wissenschafts- und Kulturbetrieb ist die Anfertigung von 3D-Modellen mittlerweile ein großes Thema, und die Ergebnisse konnten nicht zuletzt in der Zeit des pandemiebedingten Lockdowns in virtuellen Ausstellungen vieler Museen und Kultureinrichtungen betrachtet werden. Im montan.dok befinden sich nun drei 3D-Modelle eiszeitlicher Tiere, die große Ähnlichkeit zu zeitgenössischen Animationsfilmhelden aufweisen, die für die Sammlungsdokumentation gescannt wurden.

 

In der dritten Phase des Projektes „montan.dok 21“ wird die Anfertigung und Nutzung von 3D-Modellen im Bereich Sammlung und Dokumentation erprobt und ausgewertet. Im Mittelpunkt steht die historische Modellsammlung, aus der einzelne ausgewählte Objekte in zwei unterschiedlichen Verfahren digitalisiert werden. Zum einen kommt das photogrammetrische Verfahren „Structure from motion“ zum Einsatz, zum anderen werden zwei Streifenlichtscanner zur Anfertigung der 3D-Modelle genutzt, die hier im Vordergrund stehen sollen. Neben der qualitativen und quantitativen Protokollierung der Ergebnisse liegt der Fokus auf nicht leicht zu lösenden Fragen. Spiegelnde oder transparente Oberflächen, besonders detailreiche Arbeiten oder bewegliche Teile sind scantechnische Hürden, die bei der Digitalisierung nicht oder nur mit viel Aufwand genommen werden können. Die Einarbeitung in die Nutzung der beiden Scanner begann im Januar 2021, den Einstieg sollten Modelle mit klarer Form und Oberflächenstruktur erleichtern. Neben einigen Werkzeug- und Förderwagen-Modellen erwiesen sich die tierischen Gipsmodelle des Bildhauers Josef Pallenberg (1882-1946) als besonders geeignet, noch dazu fallen sie durch ihre Ästhetik besonders auf.

 

 

Der wissenschaftlich arbeitende Künstler Pallenberg wurde vor allem durch seine prächtigen Tierplastiken bekannt. Seine besonders detailgetreuen Anfertigungen der Tierwelt basierten auf Verhaltensbeobachtungen und präzisen anatomischen Studien. Darüber hinaus war er fasziniert von seltenen oder bereits ausgestorbenen Tierarten, die er nach Skelett und damaligem Stand der Wissenschaft rekonstruierte. Seine Dinosaurier gehören zu den ersten Bildnissen, die sich Menschen von den Tieren der Urzeit machten. Bei der Suche nach geeigneten Objekten fiel zunächst das Mammut ins Auge, heute erinnert es bei der Betrachtung direkt an den Film „Ice Age“, der Anfang der 2000er-Jahre die Kinos eroberte. Daraufhin wurde die Datenbank des montan.dok gezielt nach weiteren bekannten Figuren des Films durchsucht. Die Bestände der Musealen Sammlungen enttäuschten nicht und lieferten prompt noch zwei weitere Modelle: Säbelzahntiger und Riesenfaultier. Zugegeben, die Ähnlichkeiten sind nicht frappierend, aber das liegt wohl an der in diesem Fall unübersehbaren Diskrepanz zwischen Film und Realität. Während für „Ice Age“ der Charakter der Tiere jeweils die animierte Darstellung mit beeinflusste, setzte Pallenberg gerade die naturgetreue Darstellung in seinen Plastiken konsequent um.

 

 

„Manni, das Mammut“ wurde mit dem Scanner Artec „Leo“ digitalisiert und wie alle Scans mit der Software „Artec Studio 15“ fertiggestellt. Mit einer Bearbeitungszeit von ca. 60 Minuten gehört das 42 cm hohe und 66 cm breite Gipsmodell zu den Objekten, die nur wenige Probleme aufwerfen. Lediglich bei der Unterseite des Objekts bzw. den schwer einsehbaren Stellen, zwischen den Vorder- und Hinterbeinen und dem Bereich zwischen Bauchseite und Sockel, hatte der Scanner Schwierigkeiten bei der Erfassung. Diese Fehlstellen konnten aber in der späteren Bearbeitung korrigiert werden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Modell des Riesenfaultiers (26 x 45 cm), wo der Bauch des Faultiers durch den geringen Abstand zum Sockel nicht vollständig gescannt werden konnte und somit nachbearbeitet wurde. Der Säbelzahntiger musste aufgrund seiner geringen Größe (15 x 20 cm) mit dem Scanner Artec „Spider“ digitalisiert werden, die feinen Zähne waren der anspruchsvollste Bereich. Leider weisen zwei der Modelle Schäden auf: am Säbelzahntiger fehlt der Schwanz, an Riesenfaultier ist eine Ecke des Sockels weggebrochen. Dies ist aber kein Grund, von einem 3D-Modell abzusehen, vielmehr ist die Digitalisierung eine Dokumentation des Ist-Zustandes. Dabei spielt auch die Überlegung eine Rolle, gerade von in ihrem Erhaltungszustand besonders gefährdeten Objekten zu Sicherungszwecken Digitalisate anzufertigen.

 

 

Neben den hier vorgestellten Gipsmodellen befinden sich noch zahlreiche weitere Modelle, u. a. von Wild- und Urzeittieren, in den Musealen Sammlungen. Doch wie passen Modelle vorgeschichtlicher Lebewesen in ein Bergbaumuseum? Die Antwort liegt in der Historie des Deutschen Bergbau-Museums Bochum begründet: Angekauft wurden diese naturalistischen Arbeiten Pallenbergs in den 1920er- und 1930er-Jahren für das Geologische Museum des Ruhrbergbaues, das damals ein Teil der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (WBK) war. Aus historischen Fotografien geht hervor, dass das Mammutmodell im Vorraum des Museums betrachtet werden konnte. Bei Auflösung des Geologischen Museums in den 1970er-Jahren übernahm das Deutsche Bergbau-Museum Bochum den gesamten Bestand, der dem Sammlungsbereich Geowissenschaften zugeordnet wurde.

 

Die Entscheidung, sich bei der 3D-Digitalisierung auf den Modellbestand zu stützen, ergibt sich ebenfalls aus der Geschichte des Hauses: Seit Gründung des Museums legte man großen Wert auf eine anschauliche Technikvermittlung, die häufig über die Vorführung von Modellen unterstützt wurde. Ab 1940 betrieb das damalige Bergbau-Museum Bochum sogar eine eigene Modellbauwerkstatt, die vor allem für die Dauerausstellung eine Vielzahl von Anschauungs- und Funktionsmodellen anfertigte, die teilweise noch heute erhalten sind. Daraus ergab sich in der weiteren Entwicklung eine beachtliche Sammlung von etwa 1000 unterschiedlichsten Modellen. Um eine große Bandbreite verschiedener Modellarten abbilden zu können, wurde eine Auswahl aus allen Bereichen getroffen, die im Zuge der laufenden Phase des Projektes „montan.dok 21“ dokumentarisch überarbeitet und digitalisiert werden.

 

01. Juni 2021 (Maren Vossenkuhl, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 060009457001, 060009470001, 060009461001

 

Ganzelewski, Michael u.a.: Karbon-Kreide. Diskordanz im Geologischen Garten Bochum und Deutsches Bergbau-Museum, in: Kirnbauer, Thomas/Rosendahl, Wilfried/Wrede, Volker (Hrsg.): Geologische Exkursionen in den Nationalen GeoPark Ruhrgebiet, Essen 2008, S. 93-136.

 

Geologische Abteilung der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (Hrsg.): Aus dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaues zu Bochum, Herne 1967.

 

Kretschmann, Jürgen/Farrenkopf, Michael/ (Hrsg.): Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung, Bd. 2, Bochum 2014.

 

Mückler, H. Rudolf: Josef Pallenberg, 1882-1946. Sein Leben, seine Kunst, seine Tiere, Recklinghausen 1992.

 

https://www.schloss-benrath.de/entdecken/sammlungen-der-stiftung-schloss-und-park-benrath/sammlung-josef-pallenberg-1882-1946/ (Stand 27.04.2021).