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Der Bus zur Gesundheitsvorsorge: Das Modell des Röntgenzugs der Bergbau-Berufsgenossenschaft

Silikose – diese Krankheit ist nicht nur, aber vor allem unter Bergleuten bis heute allzu bekannt. Bis weit in das 20. Jahrhundert kostete sie zahlreiche Bergleute im deutschen Erz- und Steinkohlenbergbau Gesundheit und Leben und war die häufigste anerkannte Berufskrankheit. Darauf verweist das Modell des Auto-Röntgenzugs der Silikose-Forschungsstelle der Bergbau-Berufsgenossenschaft Bochum. Es verweist aber auch darauf, wie man dem Phänomen begegnet ist.

 

Der gesundheitsschädliche Einfluss der Bergarbeit war bereits im Altertum bekannt. Schon im 16. Jahrhundert haben Georg Agricola (1494-1555) und Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493-1541), genannt Paracelsus, Fälle von Atemnot und der sogenannten Lungensucht bei Bergleuten beschrieben, ohne allerdings die Ursachen hierfür sicher benennen zu können. Erst die Entwicklung der Röntgentechnik ermöglichte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Erforschung der Silikose. Als Ursache konnte das Einatmen feinster mineralischer Staubpartikel, insbesondere quarzhaltiger Gesteinsstäube, ausgemacht werden, die im Bergbau nahezu allerorten anfallen. Sie führen bei den Betroffenen nach einer gewissen Zeit, nach Jahren oder gar erst nach Jahrzehnten zur Ausbildung von knotenartigem Bindegewebe und Vernarbungen in der Lunge und schließlich zum Tod durch Ersticken.

 

Im Jahr 1929 erkannte die Bergbau-Berufsgenossenschaft, zu deren Aufgaben u. a. die Unfallverhütung und der Gesundheitsschutz in den Bergwerken gehört, die Silikose als Berufskrankheit an. 1.015 Fälle wurden für den Bergbau auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland (ohne Saarland) allein in diesem Jahr als entschädigungspflichtig anerkannt – und die Zahlen wuchsen schnell. Zwischen 1948 und 1954 lagen sie Jahr für Jahr bei weit über 4.000 und belasteten zunehmend Sozialkassen und verminderten die Produktivität. Im Bergbau der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) stellte sich das Problem in ganz ähnlicher Weise. Im Uranerzbergbau der Wismut stieg die Zahl der Erkrankungen seit 1952 an und erreichte 1964 mit 921 anerkannten Fällen entschädigungspflichtiger Silikosen und Siliko-Tuberkulosen ihren Höhepunkt. Zahlen für die Zeit davor, den sogenannten wilden Jahren der Wismut, in denen der Bergbau auf Uran seit 1946 an Fahrt aufgenommen hatte, sind nicht bekannt.

 

Seit Anfang der 1950er-Jahre wurden im west- wie auch im ostdeutschen Bergbau umfangreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet, um die Gesundheitsgefährdung einzudämmen. Staub fiel an nahezu allen bergbaulichen Arbeitsplätzen an, beim Bohren und Sprengen im Streckenvortrieb, in der Gewinnung oder aber bei Transport, Verladung, Zerkleinerung oder Verkippung von Rohstoffen und Bergen. Insofern zielten die Maßnahmen darauf ab, die Entstehung von Staub möglichst zu vermeiden oder doch zumindest zu reduzieren. Außerdem sollte der individuelle Schutz der Bergleute etwa durch die umfassende Einführung von Staubschutzmasken verbessert werden. Staubbekämpfung und Staubschutz gingen dabei mit einer zunehmenden Ausweitung, Systematisierung und Verbesserungen der Verfahren und Geräte zur Staubmessung einher. Die Bergleute vor Ort empfanden die Schutzmaßnahmen anfangs oft als hinderlich und missachteten sie häufig. Breit angelegte Aufklärungskampagnen sollten deshalb Akzeptanz und Umsetzung fördern. Flankiert wurde all dies durch systematische Reihenuntersuchungen der Zechenbelegschaften, um im Zuge der präventiven Gesundheitsvorsorge eventuelle Erkrankungen möglichst frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Der Erfolg zeigte sich bald: Im westdeutschen Bergbau halbierte sich die Zahl der Silikose-Fälle bis Mitte der 1960er-Jahre, im Uranerzbergbau der Wismut sank sie seitdem ebenfalls deutlich ab.

 

Hier kommt nun unser Röntgenzug ins Spiel. Das Modell aus den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok 030006231001) zeigt den Auto-Röntgenzug des Silikose-Forschungsinstituts der Bergbau-Berufsgenossenschaft Bochum, der seit dem 15. Februar 1950 im Ruhrbergbau im Einsatz war. Im Inneren erkennt man im Zugwagen den Röntgenraum nebst Dunkelkammer, im Anhänger den Untersuchungsraum, die Umkleide und das Labor mit den jeweiligen Geräten und Einbauten. Auf der Bustür befindet sich die Aufschrift „Forschungs-Institut der Bergbau-Berufsgenossenschaft“. Mithilfe dieser mobilen Untersuchungsstation konnte eine große Anzahl Bergleute schnell und effektiv direkt an ihrem Arbeitsplatz untersucht werden. Hierfür wurden Zugwagen und Anhänger nebeneinander aufgestellt und durch zwei Luftbrücken miteinander verbunden. Die Bergleute betraten zunächst die Umkleide im Anhänger und dann den Untersuchungsraum, bevor sie über eine der Luftbrücken in den eigentlichen Röntgenraum und anschließend über die zweite Brücke wieder zurück in den Umkleideraum gelangten. Ein ganz ähnlicher Röntgenzug kam seit September 1952 auch im Erzbergbau der DDR zum Einsatz.

 

Das Modell des Röntgenzuges ist bei den Vorbereitungen zu der Sonderausstellung „Glück auf! Ruhrgebiet. Der Steinkohlenbergbau nach 1945“ im Jahr 2009 im Altbestand des Deutschen Bergbau-Museum Bochum wiederentdeckt worden. Die Objektgeschichte des Modells, zu welchen Zwecken es ursprünglich angefertigt und gebraucht worden ist, auf welchen Wegen und wann es in das montan.dok gelangt ist, ist bis heute weitgehend unbekannt und bleibt eine spannende Aufgabe künftiger Objektforschung. Bis zum Januar 2023 ist es zusammen mit weiteren Exponaten in der aktuellen Sonderausstellung „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“ zu sehen.

 

01. August 2022 (Dr. Stefan Przigoda)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) FP 994/1

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030006231001

 

Der Röntgenzug des Silikose-Forschungsinstituts, in: Der Kompass. Mitteilungen der Bergbau-Berufsgenossenschaft 60, 1950, Heft 1, S. 9-12.

 

Farrenkopf, Michael u. a. (Hrsg.): Glück auf! Ruhrgebiet – Der Steinkohlenbergbau nach 1945. Katalog zur Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vom 6. Dezember 2009 bis 2. Mai 2010, Bochum 2009.

 

Przigoda, Stefan: Alltag im Bergbau, in: Farrenkopf, Michael/Göschl, Regina (Hrsg.): „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“. Begleitband zur Sonderausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Jahr 2022, Bochum 2022 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 251; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 44), S. 98-108.

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=211266 und museum-digital. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1070001 (Eingesehen: 27.07.2022).