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Fund des Monats: Europas Jugend in Bochum

Die europäische Jugend trifft sich in Bochum: Ein Plädoyer für die Steinkohle und Europa

 

Am 15. September 1964 hielt Hendrik Genth vom Unternehmensverband Ruhrbergbau eine Rede im damaligen Bergbau-Museum Bochum. Seine Ausführungen richteten sich an die jungen Europäer („jeunes européens“), die sich im Rahmen des Europäischen Jugendkongresses „Ruhr 1964“ (13. bis 23. September 1964 in Duisburg) im Museum versammelt hatten.

 

Genth, der im Unternehmensverband Ruhrbergbau (UVR) im Beratenden Ausschuss des Montanunionvertrages und in der Abteilung Wirtschaft und Finanzen tätig war, kam in Vertretung von Theobald Keyser, dem Hauptgeschäftsführer des UVR, nach Bochum. Der UVR, dem alle Gesellschaften des Ruhrkohlenbezirkes angehörten, war 1952 in Essen gegründet worden. Er kümmerte sich um ein weites Feld von wirtschafts- und sozialpolitischen Aufgaben und trat als Tarifvertragspartei auf. 1999 wurde der UVR in den Unternehmensverband Steinkohlenbergbau umgewandelt und bestand bis 2007 fort.

 

Der UVR zählte zu den zahlreichen Organisationen, die sich an der Gestaltung des Programms des zweiten Europäischen Jugendkongresses beteiligten. Veranstaltet wurde der Jugendkongress vom Bundesministerium für Familie und Jugend in Zusammenarbeit mit dem Arbeits- und Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen und stand unter der Schirmherrschaft des Rates für kulturelle Zusammenarbeit im Europarat und der Europäischen Kulturstiftung. Sowohl ein positives Gemeinschaftserlebnis für die jungen Europäerinnen und Europäer zwischen 18 und 25 Jahren aus 17 Nationen als auch die Diskussion über den Anteil der Jugend an der Entwicklung einer europäischen Gesellschaft waren erklärtes Ziel des Kongresses. Dabei sollten den jungen Frauen und Männern eine Einführung in die moderne Industrie am Beispiel des Ruhrgebietes geboten sowie die Lebensverhältnisse und Lebensgrundlagen der Region vorgestellt werden. Verantwortlich für die Tagesgestaltung des 15. September 1964 zeichnete der UVR. Als erster Programmpunkt wurde das Bergbau-Museum in Bochum angesteuert. Hier hörten die über 300 Teilnehmer die Ansprache Genths, sahen den Film „Schicht auf Schacht 2“ und besichtigten das Anschauungsbergwerk. Während der zweiten Tageshälfte wurden die jungen Leute zu verschieden Bergwerken der Region geführt.

 

Schon zu Beginn seiner Rede machte Genth deutlich, wie wichtig die Kohle für das Ruhrgebiet sei, beschrieb er sie doch als Energiegrundlage der modernen Industrie des Ruhrgebietes („base énergétique“). Im Folgenden verdeutlichte er anhand der Förderzahlen, welche hohe Bedeutung dem Ruhrbergbau in Deutschland im Vergleich zu den anderen Fördergebieten zukomme und damit auch an der weltweiten Förderung. Zudem machte er auf die gute Qualität der Steinkohle und die großen noch vorhandenen und abbaubaren Mengen aufmerksam. Bei einer konstanten jährlichen Produktion würden die Vorräte zwischen 400 und 500 Jahren ausreichen.

Diese Reserven würden der Kohle ihren Platz unter den Energieträgern angesichts des wachsenden Energiebedarfs und trotz der zunehmenden Produktion von Erdöl und seiner veredelten Produkte, der neuen Energiequelle des Naturgases (Erdgases) und der möglichen Ausweitung der Kernenergie auch in Zukunft sichern.

Die Kohle sei in der Vergangenheit eine der wichtigsten Grundlagen der Wirtschaft gewesen, und sie sei es auch aktuell noch, so Genth. Besonders im Ruhrgebiet sei sie die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Deren Kaufkraft sei ein Antrieb für die gesamte Wirtschaft. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen sei ebenfalls zu beachten: Im Bergbau würde eine immense Menge an Material für den Aufbau, die Instandhaltung und die Sicherheit einer Zeche gebraucht werden. Zum Schluss hob er den Wert der Kohle, besonders für die Stahlindustrie, aber auch für die Stromerzeugung in Kraftwerken hervor.

 

Als sich Genth 1964 im heutigen Deutschen Bergbau-Museum Bochum gegenüber den Jugendlichen zur Lage des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet äußerte, befand sich der Bergbau längst in einer Krise. Sie begann mit dem Absatzeinbruch Ende 1957/Anfang 1958 und läutete den langen Prozess der Schrumpfung des aktiven Steinkohlenbergbaus in Deutschland ein. Die Bergbaukrise wurde durch das überreiche Angebot an billigen Energieträgen auf dem Weltmarkt hervorgerufen: Erdöl und US-amerikanische Importkohle wurden zu den wichtigsten Konkurrenten der deutschen Steinkohle. Das Erdöl war schon seit Anfang der 1950er-Jahre als alternative Energiequelle politisch in der Bundesrepublik begünstigt worden, so mit der Aufhebung der Mineralölsteuer auf Heizöl 1953 und dem Ende des Mineralölzolls 1956. Hinzu kam, dass die Frachtraten nach der überraschend schnellen Wiederöffnung des Suezkanals nach der Suezkrise 1956/57 in den Keller stürzten und den Kohlenimport vorrangig aus den USA weiter vergünstigten. Zudem verlor die Steinkohle Absatzgebiete durch den zunehmenden Einsatz von Diesel- und Elektrolokomotiven im Schienenverkehr und einer Optimierung der Nutzung von Kohle und Koks im Hüttenwesen und bei Kraftwerken.

 

Die Ansprache Genths verrät nichts von der Krise. Zwar spricht er von der ansteigenden Produktion anderer Energieträger wie Erdöl, betont aber im gleichen Atemzug die zukünftige Bedeutung der Steinkohle allein schon durch die großen Reserven im Ruhrgebiet. Als Vertreter des Interessenverbandes für den Ruhrbergbau ist diese Sicht auf die Entwicklung kaum verwunderlich. In der Zeit zwischen 1961 und 1964 ist eine Aufschwungsphase zu verzeichnen, in der die teure Steinkohle – aufgrund der durch Öl allein nicht zu deckenden hohen Nachfrage der Industrie – wieder mehr gefragt war. Auch hielt sich die Fördermenge konstant bei 140 Millionen Tonnen jährlich – was in gewisser Weise das hier gezeichnete positive Bild zu rechtfertigen schien. Doch blendete Genth vollkommen die Probleme durch die vielen Zechenschließungen für die vom Bergbau abhängige Bevölkerung aus, deren Lebensgrundlage, wie er selbst angab, die Arbeit im Bergbau war. Nur sechs Wochen nach seiner Rede in Bochum sollten beim Rationalisierungsverband, der sich mit dem ein Jahr zuvor erlassenen Rationalisierungsgesetz als Selbstverwaltungsorgan der Kohlenwirtschaft etabliert hatte, Anträge zur Stilllegung von 31 Großschachtanlagen und 20 Kleinzechen im Ruhrgebiet eingehen.

 

Am Schluss seiner Rede ging Genth noch kurz auf die wirtschaftliche und politische Vereinigung Europas und das Interesse an Kohle und Stahl, das am Anfang dieser Einigung gestanden habe, ein. Zwar habe die europäische Integration beträchtliche Opfer vom Ruhrbergbau gefordert, aber man sei überzeugt, dass eine bessere Zukunft der Wirtschaft und der Menschen davon abhänge. Seines Erachtens sei der Weg nach Europa noch lang. Man würde ihn nicht allein durch Wirtschaft und Politik erreichen. Europa sei eine Frage der Erziehung und Formung der Jugend. Dafür sei aber das Wissen um die politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten grundlegend. Daher wäre für die Kohleindustrie die Förderung des Interesses an den wirtschaftlichen Fragen des Ruhrgebiets im Zuge dieses Kongresses der europäischen Jugend Pflicht und Ehre zugleich.

 

Ausschlaggebend für die von Genth angesprochene Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) im Jahr 1951 war auf französischer Seite bekanntlich zunächst der Wunsch, Deutschland dauerhaft an einer aggressiven anti-französischen Politik zu hindern und durch die Hohe Behörde regulierend auf die deutsche Montanindustrie einwirken zu können. Aus deutscher Sicht verhieß die EGKS gegenüber den zuvor weitreichenden Kontrollmöglichkeiten der Produktion im Ruhrgebiet durch die Ruhrbehörde mehr Freiheit und Gleichberechtigung. Die von Genth angesprochenen Opfer des Ruhrbergbaus für die europäische Integration dürften sich vor allem auf das Verbot einer zentralen Absatzorganisation und die Kontrolle der drei 1952 gegründeten Ruhrkohlen-Verkaufsgesellschaften durch einen Beratenden Ausschuss und einen Kommissar beziehen. 1963 wurde durch Beschluss der Hohen Behörde zwar die Verringerung der Verkaufsstellen auf zwei Gesellschaften genehmigt, aber es wurde eine strenge Trennung der beiden festgelegt. Dennoch warb der Vertreter des UVR für den europäischen Gedanken bei den Jugendlichen, die sich 1964 in Bochum versammelt hatten.

 

Mit dieser Werbung für Europa dürfte Genth auf offene Ohren bei seinen Zuhörern gestoßen sein, welche Resonanz die Rede ansonsten hatte und wie das Museum auf die Besucher wirkte, ist leider nicht überliefert. Lediglich, dass sich ein griechischer Teilnehmer sehr gewundert habe, weil er anstelle von „la Ruhr“ „l’amour“ in einem vom Genth gebrachten Zitat des ehemaligen französischen Präsident des Ministerrats Herriot verstanden hatte.

 

Die Rede Genths ist in den Verwaltungsakten des Deutschen Bergbau-Museums Bochum enthalten. Der im montan.dok/Bergbau-Archiv Bochum aufbewahrte Bestand 112: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Bochum, wird im Zuge des Projektes „montan.dok 21“ archivisch aufbereitet. Dadurch werden zukünftig Dokumente wie die hier vorgestellte Rede, die nicht nur Aufschluss über Veranstaltungen in DBM, sondern auch über die Öffentlichkeitsarbeit des UVR gibt, leichter zugänglich.

 

02. April 2018 (Dr. des. Maria Schäpers)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv (BBA) 112/826

 

Bundesministerium für Familie und Jugend/Arbeits- und Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen/Landesjugendring von Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Europäischer Jugendkongress. European Youth Congress. Congrés Européen de Jeunes, o. O. 1964.

 

Farrenkopf, Michael: Wiederaufstieg und Niedergang des Bergbaus in der Bundesrepublik, in: Ziegler, Dieter (Hrsg.): Geschichte des deutschen Bergbaus, Bd. 4: Rohstoffgewinnung im Strukturwandel. Der deutsche Bergbau im 20. Jahrhundert, Münster 2013, S. 183-302.

 

Gebhardt, Gerhard: Ruhrbergbau. Geschichte, Aufbau und Verflechtung seiner Gesellschaften und Organisationen, Essen 1957.

 

Geppert, Dominik: Die Ära Adenauer, 3. Aufl., Darmstadt 2012.

 

Kroker, Evelyn (Bearb.) unter Mitarbeit von Kikillus, Brigitte/Neumann, Gudrun/Sturm-Rodeck, Brigitte: Das Bergbau-Archiv und seine Bestände, Bochum 2001 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 94 = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 10).

 

Nonn, Christoph: Die Krise des Ruhrbergbaus bis zur Gründung der Ruhrkohle AG (1957/58-1968), in: Farrenkopf, Michael u.a. (Hrsg.): Glück auf! Ruhrgebiet. Der Steinkohlenbergbau nach 1945, Bochum 2009 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 169 = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 21), S. 236-283.

 

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Europäischer Jugendkongreß „Ruhr 1964“. 350 Delegierte aus 19 Nationen vom 13. bis 23. September in Duisburg-Wedau, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 1964, Nr. 137, 8. September 1964, S. 1283f.

 

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Beitrag zur Einigung Europas. Eröffnung des Europäischen Jugendkongresses „Ruhr 1964“, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 1964, Nr. 142, 18. September 1964, S. 1319f.

 

Unternehmensverband Ruhrbergbau (Hrsg.): Was wissen Sie vom Ruhrbergbau?, 17. Aufl., Essen 1963. Unternehmensverband Ruhrbergbau (Hrsg.): Ruhrbergbau 1961-1963. Geschäftsbericht, Essen 1964.

 

Wagner, Richard: Europäischer Jugendkongreß, in: Deutsche Jugend. Zeitschrift für Jugendfragen und Jugendarbeit, 12, 1964, S. 491-494.