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Vom Schaden und Nutzen des Bergbaus als künstlerische Mahnung

Der Mensch ist seiner Umwelt einerseits ausgesetzt, andererseits passt er sie in seiner Geschichte immer wieder den eigenen Bedürfnissen an. Dies gilt nicht zuletzt in Bezug auf den Bergbau. Er diente zwar dem Fortschritt der Menschen durch die Nutzbarmachung von mineralischen Ressourcen. Aber diese Entwicklung hatte auch massive, zum Teil zerstörerische Auswirkungen auf Umwelt und Menschheit. Der DDR-Künstler Willi Sitte (1921-2013) thematisierte dies in seinem Gemälde „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“. Und anhand dieses Werks wird auch deutlich, warum zu den Beständen der Musealen Sammlungen des Deutschen Bergbau-Museums Bochum auch Kunstwerke wie Gemälde gehören.

 

Das drei mal fünf Meter messende Werk (montan.dok 030005947001) ist inhaltlich sehr detailreich und erzählt eine Geschichte vom Schaden, aber auch vom Nutzen des Bergbaus. Links unten ist ein Bergmann bei der Suche nach Rohstoffen dargestellt. Das Ergebnis dieser Suche hält er darüber staunend in den Händen. Dahinter ist als Schatten eine mythologisch anmutende Figur abgebildet. Womöglich handelt es sich um den Göttervater Zeus. Er ist der wichtigste und mächtigste Gott der griechischen Mythologie und könnte somit für die Macht stehen, die dem Menschen aus der Gewinnung von Rohstoffen obliegt. Verbunden mit Macht ist jedoch immer auch Verantwortung. Eine weitere mythologische Figur, wohl der von links oben aus dem Himmel hinabfahrende Prometheus, könnte den Sturz des Menschen symbolisieren, wenn er nicht verantwortungsvoll mit dieser Macht über die Ressourcen umgeht. In der Bildmitte werden sowohl die Verarbeitung der Rohstoffe als auch die möglichen zerstörerischen Auswirkungen gezeigt. Eine Ritterrüstung, die in Flammen steht, ein Drachenkopf, ein Panzer, tote Menschen und eine verdunkelte Sonne symbolisieren Krieg und Verderben. Der gekreuzigte Mensch rechts wird als Gefangener der Gesamtentwicklung der Menschheit und der Erde dargestellt.

 

Doch das Gemälde ist nicht so düster, wie es bis hierhin erscheint. Die Hände mit Buch in der rechten unteren Bildecke können als Symbol des Fortschritts durch die Wissenschaft gedeutet werden, die letztlich eine positive Gestaltung der Zukunft ermöglichen. So fliehen die nackten und schutzlosen Menschen vor der sich in Fetzen auflösenden Erde zum hoffnungsfroh aufsteigenden Regenbogen. Am seitlichen Bildrand rechts erkennt man gar eine grüne Landschaft. Das Kunstwerk Sittes kann im Zusammenhang mit dem Titel „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“ so als eine eindeutige Warnung verstanden werden, wofür die Abbildung der Harpyie, einem geflügelten Mischwesen aus der griechischen Mythologie, rechts oben steht. Dieser Greifvogel kündigt in Sittes Werk oft eine unheilvolle Entwicklung an, wenn der Mensch sich und sein Handeln nicht ändert. Das Kunstwerk mahnt auf diese Weise zu einem bedachten und maßvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde.

 

Jenseits des Bildinhalts liefert die Person Willi Sitte Stoff für kontroverse Diskussionen. Er war nicht nur Maler, sondern ab den 1960er-Jahren auch ein hoher Kulturpolitiker in der DDR. Mit der Wahl in den Zentralvorstand des Verbands Bildender Künstler (VBK) im Jahr 1964 begann seine aktive kulturpolitische Tätigkeit. In seiner Rolle ist er eine bis heute umstrittene Figur der DDR-Kunst. Nach der „Wiedervereinigung“ im Jahr 1990 meldeten sich zum Teil weitere Kunstschaffende aus der DDR zu Wort, die Sitte in ihren künstlerischen Aktivitäten behindert haben soll. So warf ihm Eberhard Göschel (geb. 1943) in einem Leser:innenbrief an die TAZ vom 06. November 1990 öffentlich Machtmissbrauch vor. Darin schreibt er: „Sie haben Ihren DDR-Kollegen Ausstellungsprojekte versaut (mir in Wien) und existenzerhaltende Aufträge hinterlistig abgewürgt.“ Besonders brisant ist dabei, dass Sitte eine Auftragsarbeit Göschels für die Dresdener Bank verhindert haben soll. In seiner Autobiographie bestritt Sitte relativ deutlich, andere Kunstschaffende in der DDR eingeschränkt zu haben. Er war dennoch Anfang der 1990er-Jahre eine der zentralen kritisierten Figuren des so genannten deutsch-deutschen Bilderstreits. Ausgelöst wurde dieser durch den Maler Georg Baselitz, der DDR-Kunstschaffenden absprach, überhaupt Kunstschaffende zu sein, da sie zwangsläufig staatstreu gewesen seien.

 

Das Werk „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“ fertigte Willi Sitte 1988 als Auftragsarbeit zum Thema Umweltschutz für die Frankfurter Metallgesellschaft AG für die Hannover Messe 1989 an. Aufträge aus der BRD durften dabei nicht alle Kunstschaffenden in der DDR annehmen. Zum Werk entstanden umfangreiche Vorstudien. Die Frankfurter Metallgesellschaft AG überließ das Gemälde 1990 dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Gezeigt wurde es im Jahr 1992 im Rahmen der Sonderausstellung „Willi Sitte – Schichtwechsel. Bilder von Arbeitern und vom Herrn Mittelmaß“. Die Ausstellung war die erste Schau des Künstlers nach der „Wiedervereinigung“ und wurde in dessen Beisein eröffnet. Die Konzeption der Ausstellung damals erfolgte in engem Austausch zwischen Künstler und Kuratorenteam Prof. Dr. Rainer Slotta und Angelika Mertmann vor allem mit Blick auf dessen Werke mit Bezug zum mitteldeutschen Kali- und Steinsalzbergbau. Danach wurde das hier behandelte Gemälde zunächst in der Infohalle und später in einer anderen Halle des Museums ausgestellt. Diesen Platz behielt es bis zum Umbau des Museums ab 2016. Heute wird es in den Musealen Sammlungen des montan.dok bewahrt und ist aktuell in der Sonderausstellung „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“ zu sehen.

 

Die Frage der Verquickung von Politik und Kultur insbesondere in Diktaturen wird dort durch Willi Sitte exemplarisch aufgeworfen. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob sein Werk angesichts seiner politischen Tätigkeit überhaupt ausgestellt werden sollte. Sein Oeuvre nicht auszustellen, würde jedoch eine wirkliche Auseinandersetzung verhindern und verschleiern, dass Kunst und Kultur auch heute nicht unabhängig von Politik sind. Eine intensive Beschäftigung mit Willi Sittes Werk zeigte im Jahr 2021/2022 die Ausstellung „Sittes Welt“ im Museum Moritzburg in Halle. Sie war anlässlich des 100. Geburtstags des Künstlers in einer Retrospektive konzipiert und setzte sich mit der Zwiespältigkeit von Werk und Künstler auseinander. Auf der Ausstellungswebsite heißt es: „Die Ausstellung verstand und versteht sich dezidiert als Teil der Aufarbeitung des Kunst- und Kultursystems in der DDR. Damit stellte das Projekt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der als Staatskunst apostrophierten Kunst Willi Sittes dar. Anhand repräsentativer Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen im In- und Ausland wurde Sittes Entwicklung im Sinne des Sozialistischen Realismus wie auch im Widerspruch zu diesem sichtbar.“

 

Sittes „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“ wird in der aktuellen Sonderausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum als Beispiel für die künstlerische Verarbeitung der Gefahren einer ungehemmten Rohstoffnutzung gezeigt. Das Kunstwerk Sittes wird dabei zwei kleinen grünen Tonkreuzen gegenübergestellt, die Eberhard Göschel als Symbol der Umweltbewegung in der DDR anfertigte. Die Konflikte in der DDR-Kunst werden durch die Inszenierung dieser Objekte aufgegriffen und machen gleich zu Beginn der Ausstellung auf das Spannungsverhältnis von Bergbau und Umwelt aufmerksam. Die durch das BMBF geförderte Sonderausstellung beleuchtet die Themen Rekultivierung und Umweltpolitik aus historischer Perspektive kommend anhand von drei Revieren und drei bergbaulich gewonnenen Bodenschätzen: das Ruhrgebiet mit der Steinkohle, die Wismut-Gebiete mit dem Uranerz und die Lausitz mit der Braunkohle. Zu sehen ist sie vom 11. Juni 2022 bis zum 15. Januar 2023 im Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Sie will zu einem reflektierten Umgang mit Umweltfragen in Gegenwart und Zukunft beitragen.

 

01. Juni 2022 (Dr. Regina Göschl & Wiebke Büsch, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030005947001

 

Farrenkopf, Michael/Göschl, Regina (Hrsg.): Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich. Begleitband zur Sonderausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Jahr 2022, Berlin/Boston 2022 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 251; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 44), auch online abrufbar unter: https://doi.org/10.1515/9783110780154.

 

Göschel, Eberhard: Machtmißbrauch, Leser:innen-Brief, in: TAZ, 06.11.1990.

 

Kroker, Werner: Willi Sitte – Schichtwechsel. Bilder von Arbeitern und vom „Herrn Mittelmaß“, Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum. 24. Mai-16. August 1992, Bochum 1992.

 

Schirmer, Gisela: Willi Sitte. Farben und Folgen. Eine Autobiographie, Leipzig 2003.

 

Slotta, Rainer: Meisterwerke bergbaulicher Kunst und Kultur, Nr. 56: Willi Sitte (geb. 1921): Tafelbild 1988/1989. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen…, in: Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau 43, 1991, Heft 3-5, Einleger.

 

Slotta, Rainer: Die Sonderausstellungen, in: Ders. (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930 bis 2005). Vom Wachsen und Werden eines Museums, Bd. 2, Bochum 2005 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 134).

 

Websiteeintrag zur Ausstellung Sittes Welt. Willi Sitte: die Retroperspektive. Unter: https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/sittes-welt/ (Eingesehen: 30.05.2022).

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=110514 und museum-digital:westfalen. Unter: https://westfalen.museum-digital.de/object/15918 (Eingesehen: 30.05.2022).