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„Eine schöne Grundlage für weitere Forschungsarbeiten“: Archivgut im Deutschen Bergbau-Museum Bochum

Anschauungsbergwerk, Fördergerüst und jede Menge Bergbauobjekte sind die Dinge, die man mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum gemeinhin in Verbindung bringt. Doch das Leibniz-Forschungsmuseum hat neben seinen vielen Objekten auch noch einen reichen Schatz an Schriftgut zu bieten und dies nicht erst seit der Gründung des Bergbau-Archivs Bochum im Jahr 1969.

 

Die aufwendige Suche nach guten Stücken, mühsame Verhandlungen über Konditionen des Erwerbs, aber auch die große Freude über die Schenkung von raren Objekten kennen wohl alle Museumsmitarbeitende, die aktiv in Sammlungstätigkeiten eingebunden sind. Da ging es dem Gründungsdirektor des damaligen Bergbau-Museums Bochum, Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann, kaum anders. Für das 1930 gegründete Museum war er oft auf Reisen, um sich in verschiedenen Bergbauregionen nach brauchbaren Objekten umzuschauen, Kontakte zu knüpfen und sich mit unterschiedlichen Personen über Belange des Museums und den Ausbau der Sammlung auszutauschen. Auf einer solchen Reise wollte er sich in Salzburg mit Oberbergrat Emil Sporn treffen, hatte aber kein Glück, da dieser sich in Kur in Bad Reichenhall befand. Sporns Ehefrau gab Winkelmann aber die Möglichkeit, sich das anzusehen, wofür er vor allem gekommen war: den Nachlass des Bergverwalters Karl Reissacher (1820-1871). „Nachdem ich etwa die Hälfte dieses Aktenwustes durchgesehen hatte, bat ich sie [die Ehefrau Sporns] den ganzen Nachlass an uns zu schicken, damit er hier einmal eingehend durchgearbeitet wird und wir sagen können, was wir davon für unser Museum benötigen.“ So beschrieb der Museumsdirektor die Aktensichtung in seinem Dienstreisebericht (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/1303) am 23. August 1941. Das abwertend klingende Wort „Aktenwust“ war kaum so gemeint, denn Winkelmann hatte die „ganz außerordentliche Bedeutung“ des Bestands als „eine fundamentale Quelle über die gesamte Entwicklung des Goldbergbaues im Hohen Tauern“ schon erkannt.

 

Den Wert hatte auch Oberbergrat Sporn, der gerne selbst den Bestand für seine Forschungszwecke nutzen wollte, gesehen. Nach langen Verhandlungen konnte Winkelmann den Nachlass in Gänze in das Eigentum des Bergbau-Museums Bochum übernehmen. Neben der Zahlung einer nicht unbedeutenden Summe ließ sich Winkelmann auf den Handel ein, dass zukünftige Arbeiten Sporns über verschiedene Gebiete dieses Nachlasses vergütet werden sollten. Eingehend hat die damalige Leiterin des Bergbau-Archivs Bochum, Dr. Evelyn Kroker, den Bestand beschrieben, und den zwischen 1845 und 1863 im Goldbergbau in den Hohen Tauern wirkenden Reissacher als „Kronzeuge[n] für die Geschichte des Tauerngoldes“ bezeichnet (Kroker, Tätigkeit, S. 22). Nach der Gründung des Bergbau-Archivs Bochum wurde der Bestand Teil der Archivbestände. Er wird heute unter der Bestandsnummer 49 geführt und zählt 71 Verzeichnungseinheiten.

 

Neben den wichtigen Quellen zu Reissachers Arbeit im Goldbergbau geben die Archivalien auch Aufschluss zu seiner Tätigkeit als Verwalter des Badeschlosses im heutigen Bad Gastein. Dabei lassen die seiner Arbeit zuzuordnenden Dokumente eine zeichnerische Begabung des Bergverwalters erkennen: Im Bestand sind Zeichenübungen bzw. fertige Zeichnungen von verschiedenen Ortschaften und Gebäuden aus seiner Feder oder seinem Stift erhalten, so beispielsweise eine Ansicht von dem für seine Thermalquellen bekannten Bad Gastein (montan.dok/BBA 49/59).

 

Der Nachlass Reissachers war nicht das erste Schriftgut, das das Bergbau-Museum Bochum erwarb. Schon 1937 hatte die Enkelin des Bergmeisters Ferdinand Baur (1812-1871) dem Museum historische Schriften ihres Großvaters geschenkt (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/1750). Sie war mit dem Museumsdirektor schon einige Zeit wegen einer Objektübernahme in Kontakt gewesen und hatte währenddessen die Dokumente gefunden. Winkelmann bedankte sich für „[D]ie uns freundlichst überlassenen alten Akten ‚Probearbeiten und Reiseberichte‛ habe ich für unser demnächst zu gründendes Archiv zurückgelegt. […] Diese Berichte werden sicherlich einmal eine schöne Grundlage für weitere Forschungsarbeiten für das Museum sein.“ Wieder formulierte Winkelmann hier die Idee, dass das Schriftgut für die eigene Forschung des Museums genutzt werden könnte. Inwieweit die Probearbeiten aus Baurs Ausbildungszeit oder sein an das Bergamt gerichteter Bericht über die Befahrung der Grube Centrum im Dürener Bezirk vom Juli 1832 tatsächlich in die Forschungsarbeit des Museums einflossen, sei einmal dahingestellt (vgl. montan.dok/BBA 59/1 und 2). Eine aufschlussreiche Momentaufnahme bot der Bericht, der auch Zeichnungen enthält, bestimmt. Der Bestand trägt heute die Nummer 59.

 

Interessanterweise spricht Winkelmann gegenüber der Enkelin von einem zukünftigen Archiv. Da er dies aber nicht weiter ausführte, bleibt unklar, worauf er sich damit bezog. Zwar hatte es schon in den 1950er-Jahren Überlegungen zu einer Sicherung von Bergbauakten gegeben, die eigentliche Gründungsgeschichte des Bergbau-Archivs Bochum datiert allerdings erst in die Jahre 1967/68 mit der Neuordnung des Ruhrkohlenbergbaus. Sie sollte die Folgen der Kohlenkrise abfedern, die bereits in den Jahren zuvor zu zahlreichen Zechenstilllegungen geführt hatte. In dieser Situation sollte die Gründung des Bergbau-Archivs Bochum als zentrales Wirtschaftsarchiv – dem ersten überregionalen Branchenarchiv der Bundesrepublik Deutschland – den drohenden Verlust weiterer historisch relevanter Überlieferungen verhindern. Das Bergbau-Museum Bochum schien hierfür der richtige Ort zu sein. Träger des neuen Archivs waren die Wirtschaftsvereinigung Bergbau e. V., der Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus und die Westfälische Berggewerkschaftskasse. Als Leiter fungierte gemäß Gründungsvertrag zunächst der Museumsdirektor, damals Bergassessor Hans Günter Conrad.

 

Doch zurück zu den vor Gründung des Archivs nach Bochum übernommenen Schriftgutbeständen: Zu dem nach den Unterlagen von Bergmeister Baur erworbenen Dokumenten gehört neben dem Nachlass Reissachers auch die Überlieferung des Kupferbergwerks Thalitter in Hessen, die heute unter der Bestandsnummer 28 geführt wird. Auch hier führten Objektrecherchen des Museumsdirektors bzw. des damaligen Kustos Julius Raub zum Ankauf des Materials. Raub berichtete ausführlich am 08. Juli 1938 über die Aktensichtung auf einem Dachboden an Oberbergrat Theobald Keyser, dem Leiter der Westfälischen Berggewerkschaftskasse, zu der das Bergbau-Museum Bochum gehörte (vgl. auch im Folgenden montan.dok 1627). Dabei betonte er den „kulturgeschichtlichen Wert“ des Aktenmaterials, zu dem laut seiner Beschreibung vor allem Schichtzettel, Schmelzzettel, Tabellen und Knappschaftslisten und Briefwechsel gehörten. Tatsächlich konnte das Museum sich mit dem Landwirt Plock, dessen Familie über Generationen im Kupferbergbau tätig war, über einen Preis einig werden.

 

Der Bestand mit heute 51 Verzeichnungseinheiten bietet Unterlagen bis in die 30er-Jahre des 18. Jahrhunderts, wie die Betriebsabrechnung von 1736 (montan.dok/BBA 28/1). Die sonstigen von Raub genannten Unterlagen sind auch heute noch Bestandteil der Überlieferung. Eine hübsche Auffälligkeit auf einigen der ansonsten schlichten Dokumente sind die aufgeklebten Titel der Unterlagen in Herzform.

 

Das übernommene Schriftgut wurde offenkundig wie ein museales Objekt behandelt. So kann man heute noch auf einigen Archivalien die alte Inventarnummer aus der frühen Dokumentationszeit des Museums erkennen. Bis es als Archivgut behandelt und nach fachlichen Vorgaben geordnet, verzeichnet und technisch bearbeitet wurde, sollten aber noch viele Jahre vergehen.  

 

Nach seiner Gründung 1969 wuchsen die Bestände des Bergbau-Archivs Bochum schnell. Man erinnerte sich auch an das schon im Museum vorhandene Schriftgut, wenn auch im Falle des Nachlasses Reissachers dieser erst im Jahr 1976 aus dem Depot der Museumssammlungen in das Magazin des Bergbau-Archives Bochum übernommen wurde.

 

Mittlerweile bemisst sich das Archivgut, das im Bergbau-Archiv bewahrt wird, auf etwa sieben Regalkilometer. Gegliedert in die Bestände von Unternehmen und Konzernen sowie von bergbaulichen Verbände und Organisationen, die größere Gruppe der Vor- und Nachlässe sowie die archivischen Spezialsammlungen wächst die Überlieferung stetig weiter. Das Archiv, das seit 2001 Teil des Montanhistorischen Dokumentationszentrums im Deutschen Bergbau-Museum Bochum ist, steht allen Interessierten offen. Nach vorheriger Anmeldung können die Bestände vor Ort eingesehen werden. Recherchen sind zudem online möglich. An der Ausweitung der digitalen Zugänglichkeit des Bergbau-Archives Bochum sowie allen anderen Bereichen des montan.dok wird derzeit in mehreren Projekten gearbeitet.

 

01. Juli 2022 (Dr. Maria Schäpers)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 28, 49, 59 und 112/1303

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 28, 49, 59 und 112/1303

 

Farrenkopf, Michael: Bergbau-Archiv und montan.dok. Dokumentation, Service und Forschung zur industriellen Montangeschichte, in: Slotta, Rainer (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930 bis 2005). Vom Wachsen und Werden eines Museums, Bd. 1, Bochum 2005 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 134; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 10), S. 173-240.

 

Farrenkopf, Michael: Vom Erbe des deutschen Steinkohlenbergbaus zum mining heritage. Das Projekt „Getrenntes Bewahren – Gemeinsame Verantwortung“ als Basis einer Strategie des montan.dok im 21. Jahrhundert, in: Farrenkopf, Michael/Siemer, Stefan (Hrsg.): Bergbausammlungen in Deutschland (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 233; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 36), S. 3-118.

 

Kroker, Evelyn: Miszellen. Bergbau-Archiv beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum, in: Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau 28, 1976, Heft 3, S. 106.

 

Kroker, Evelyn: Die Tätigkeit des österreichischen Bergverwalters Karl Reissacher im Spiegel seines Nachlasses, in: Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau 29, 1977, Heft 1, S. 16-23.

 

Online-Portal: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=95484; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=95360; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=95489 (Eingesehen 27.06.2022).