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Boxberg 1987: Kampf gegen Wint(er)mühlen

Erinnerungstücke existieren im Bergbau – ebenso wie Bergleute, die von vergangenen Zeiten erzählen – en masse. Neben bunt verzierten Schmuckbriketts finden sich in dieser Funktion sehr häufig Biergläser und Humpen verschieden prunkvoll ausstaffiert. Ein auf den ersten Blick gar nicht mal so spektakuläres Stück erinnert an den Wiederaufbau eines Kraftwerks nahe der Grenze zwischen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und Polen. Das Wort Wiederaufbau lässt aufhorchen: Was war passiert?

 

Die Versorgung mit Energie ist ein Thema, das für viele Menschen mit dem russischen Angriff auf die Ukraine erneut in den Fokus gerückt ist. Im Endeffekt war es schon immer mehr oder minder präsent, hatte aber seine speziellen Höhe- respektive Tiefpunkte. Man denke nur an die Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre, an die jahrzehntelange Debatte über Atomstrom – die kurioserweise ebenfalls wieder aktuell ist – und das teilweise skurrile Gezanke um Windkraftanlagen quer durch die Republik. Auch die Versorgung mit Strom aus Kohlekraftwerken hat immer wieder die öffentlichen Debatten bestimmt, unter anderem bei den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst und ganz aktuell um den Ort Lützerath.

 

Deutlich weniger im Fokus, aber umso dramatischer, war ein Zwischenfall, der sich im Januar 1987 im sächsischen Boxberg in der DDR nahe der Grenze zu Polen weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit ereignet hat. Dem Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) war es lediglich eine kurze Meldung wert, dass es in Folge von Rekord-Minustemperaturen zur Havarie eines kompletten Kraftwerkblocks gekommen war.

 

Ein Hinweisgeber für dieses Ereignis ist ein Glashumpen, der sich unter der Inventarnummer 037000760001 in den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) befindet. Hierbei handelt es sich, trotz der mit seinen Rundungen etwas außergewöhnlichen Form, nicht um ein Stück von besonderer Repräsentativität. Anders als übliche Glashumpen weist dieses Exemplar jedoch verschieden stark ausgeprägte Wölbungen auf, die im oberen Bereich in einem bauchigen Glaskörper gipfeln. Besonders schmuckvoll ist er dennoch nicht ausgestattet. So zeigt er lediglich eine goldfarbene Umrandung und eine ebenso farbige Aufschrift auf der Schauseite, die „Großkraftwerk // BOXBERG // Werk III Wiederaufbau 1987“ lautet. Hiermit weist der Humpen zwar nur indirekt auf die Havarie, aber eben doch auf die Konsequenzen daraus hin. Was also war geschehen?

 

Der Januar 1987 war mit Temperaturen zwischen -25° und -30° C ungewöhnlich kalt. Für den Umgang mit Braunkohle ist dies insofern eine problematische Arbeitsumgebung, da sie im Rohzustand zu einem Großteil aus Wasser besteht. Das führt bei derart niedrigen Temperaturen dazu, dass das Wasser in der Kohle gefriert und einzelne Kohlestücke zu einem großen Brocken zusammen- und an den Wänden der Förderwagen festfrieren.

 

Genau mit diesem Problem hatten die Beschäftigten in den kalten Januartagen im Kraftwerk Boxberg zu kämpfen, sodass teilweise unter Mithilfe der Nationalen Volksarmee versucht werden musste, die Kohle aus den Förderwagen zu lösen, um den Verbrennungsprozess im Kraftwerksblock nicht unterbrechen zu müssen. Zeitweise wurde der Betrieb sogar mit Öl statt Kohle weitergefahren. Als auch diese Notlösung nicht mehr zielführend war, entschloss man sich, die Turbine über einen Notfallschalter zu deaktivieren. Durch eine Fehlfunktion in der Schaltanlage führte dies allerdings zum Gegenteil: Statt zum Stillstehen zu gelangen, drehte sich die Turbine kurz nach dem vermeintlichen Abschalten so schnell, dass sie überhitzte, bis eine Abfolge von Ereignissen zu einer schweren Explosion führte. Dabei wurden ein kompletter Kraftwerksblock zerstört und zwei Menschen verletzt.

 

Zwar konnte der Kraftwerksblock noch im selben Jahr neu aufgebaut und in Betrieb genommen werden, bis dahin beschäftigte der Zwischenfall trotzdem die Politik der DDR, wie ein Blick in den Schriftverkehr des Ministerrates der DDR zeigt. So schickte dessen stellvertretender Vorsitzender Werner Krolikowski dem Politbüro-Mitglied Günter Mittag noch im Januar 1987 ein Dossier „zu einigen grundsätzlichen Fragen zur Sicherung der Elektroenergieerzeugung, -übertragung und -verteilung in der DDR“ (BArch, DC 20/20008) als direkte Folge der Ursachenforschung zur Boxberg-Havarie. Wie Krolikowski dem Kollegen im Anschreiben mitteilte, wurden die Genossen Wolfgang Mitzinger (Minister für Kohle und Energie) und Felix Meier (Minister für Elektrotechnik und Elektronik) ebenfalls über den Stand informiert und angehalten, entsprechende Schlussfolgerungen daraus abzuleiten. Erste Maßnahmen, so das Papier, seien durch Mitzinger bereits getroffen.

 

Neben so trivialen Informationen wie dieser, dass „bei stabiler Kohleversorgung der Dampferzeuger […] eine Betätigung des Leistungsschalters nicht notwendig gewesen“ wäre und die Experten dementsprechend zur Sicherstellung des Kohlennachschubs bei niedrigen Temperaturen raten, findet sich auch dieser interessante Aspekt: „Die in den ursprünglichen Projekten für die 500 MW-Blöcke und die Kernkraftwerksblöcke im Kernkraftwerk Nord vorgesehenen Generatorleistungsschalter wurden nicht bestätigt. Diese Schalter werden in der DDR, in der UdSSR und in den übrigen RWG-Ländern [RWG = Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe] nicht produziert.“ Es werde daher „von den Experten […] empfohlen, in Neuanlagen für Leistungsabführungen Generatorleistungsschalter […] einzusetzen und vorhandene Projekte daraufhin zu überprüfen“.

 

Diese Zeilen erwecken den Eindruck, dass man sich einer potenziellen Gefahr wohl durchaus bewusst war, die notwendigen Sicherheitsschalter aber schlicht nicht verfügbar waren. Darüber hinaus findet sich in dem Dossier diese nicht besonders positive Einschätzung der DDR-Energiewirtschaft: „Von Experten wurde im Zusammenhang mit der Aufklärung der Havarie wiederholt darauf hingewiesen, daß im Gesamtsystem der Elektroenergiewirtschaft zahlreiche Schwachstellen bestehen, die nicht ohne erhebliche volkswirtschaftliche Aufwendungen behoben werden können. In diesem Zusammenhang wurde u.a. auf Trenner, Transformatoren, Wandler, Schalter, Schutztechnik und Stand der Automatisierung von Schaltprozessen verwiesen. Der Rückstand der in der DDR eingesetzten Technik zum Niveau anderer Industriestaaten betrage bis zu 15 Jahre.“ Daraus abgeleitet schließt das Dossier mit der Erwartung an Minister Mitzinger, „zur Erhöhung der Standfestigkeit der Anlagen der Elektroenergieerzeugung, -übertragung und -verteilung“ ein Sicherheitskonzept zu erstellen und durchzusetzen. Die hierfür notwendige materielle und technische Basis bereitzustellen, sei die Aufgabe von Minister Meier. Inwiefern diese Anweisungen in den letzten vier Jahren der Existenz der DDR und vor allem beim Wiederaufbau von Boxberg noch umgesetzt wurden, muss an dieser Stelle offenbleiben.

 

Wie sich zeigt, kann ein eher unscheinbarer Glashumpen mit wenigen Worten Aufschrift doch eine deutlich größere Geschichte in sich bergen. Sie reicht von der Katastrophe über die unmittelbaren Konsequenzen, die internen Einordnungen und Reaktionen der zuständigen Funktionäre, bis hin zum Wiederaufbau des Kraftwerkblocks noch im selben Jahr. Schließlich gewährt er spannende Einblicke und wirft so tatsächlich mehr als nur ein kleines Schlaglicht auf die Probleme, die es mit der Braunkohleverstromung in der DDR gab.

 

Noch bis zum 15. Januar 2023 kann der Humpen in der Sonderausstellung „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum neben zahlreichen weiteren sehenswerten Exponaten besichtigt werden. Die Ausstellung thematisiert den Umgang mit Umweltfragen bezüglich der drei Abbauregionen Lausitz (Braunkohle), Ruhrgebiet (Steinkohle) und Wismut-Gebiete (Uran-Erz). Sie ist als Teil des Verbundprojektes „Umweltpolitik, Bergbau und Rekultivierung im deutsch-deutschen Vergleich. Das Lausitzer Braunkohlenrevier, die Wismut und das Ruhrgebiet (1949-1989/2000)“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

 

01. Januar 2023 (Philip Behrendt, B.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 037000760001

 

Bundesarchiv: Information und erste Schlussfolgerungen zu der am 14.01.1987 eingetretenen kritischen Lage in der Elektroenergieversorgung der DDR. BArch, DC 20/20008. Unter: http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy30bmi/mets/dy3023_1129/index.htm?target=midosaFraContent&backlink=/dy30bmi/index.htm-kid-0a5fb076-dc19-4f64-909d-0a1d8389a789&sign=DY%203023/1129 (Eingesehen: 25.11.2022)

 

Sächsische Zeitung: Winterkampf. Unter: https://www.saechsische.de/winterkampf-3588070.html (Eingesehen: 25.11.2022)

 

Tagesspiegel: Berliner Chronik: 14. Januar 1987. Unter: https://www.tagesspiegel.de/berlin/14-januar-1987-6418849.html (Eingesehen: 25.11.2022)