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Das Objekt im Fokus

Der fotografische Beleg eines Objektes gehört zur guten Praxis bei der Objektdokumentation im musealen Bereich. Aber wie gut muss das Foto sein?

 

„Besser ein schlechtes Foto als gar kein Foto.“ So lautete die Antwort, die anlässlich eines Workshops im Rahmen des Projektes „montan.dok 21“ am 15. Juni 2018 auf diese Frage gegeben wurde. Mit dieser Minimalforderung sollten die Teilnehmenden ermutigt werden, diesen wichtigen Teil im Inventarisierungsprozess trotz begrenzter zeitlicher, personeller und finanzieller Mittel, nicht auszulassen.

 

„Ach, hätten wir doch überhaupt eine Fotografie bzw. Kamera!“, das dürfte sich die Museumsmitarbeiterin des damaligen Bergbau-Museums Bochum, Philippine Möllmann, am 06. September 1945 gedacht haben, als sie einen Aktenvermerk über zwei Fotoapparate des Museums tippte (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 120/1185). „Nach einer Verfügung der Militärregierung mußten kurz nach der Besetzung der Stadt Bochum sämtliche Photo-Apparate abgeben werden.“ So begann die Mitarbeiterin ihren Vermerk. Weiter ist zu erfahren, dass Möllmann dieser Anordnung nachkam, indem sie die beiden Kameras, „eine Leitz 3,5 und eine Zeitz-Ikon 6/9“, im Rathaus der Stadt ablieferte. Am 06. September fragte Möllmann beim Besatzungsamt nach, ob das Museum einen Antrag auf Rückgabe der Apparate stellen könne. „Die guten Apparate seien alle weg, es ist nur noch Schrott vorhanden.“ Das war die lapidare Antwort. Die Kameras waren damit für die Arbeit im Museum für immer verloren.

 

Wenige Monate später wurde die Frage der Objektfotografie im Museum akut. Wie schon an anderer Stelle beschrieben, wurden für eine Ausstellung in England nicht nur Objekte aus der gerade erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichteten kleinen Ausstellung in der so genannten Ehrenhalle des Museums, sondern auch Fotografien aller ausgestellten Objekte verlangt. Der Auftrag kam ironischer Weise von besagter Militärregierung, genauer gesagt von der North German Coal Control (NGCC). Das Museum musste, um diese Aufgabe erledigen zu können, auf einen externen Fotografen, Günther Karkoska, zurückgreifen (vgl. montan.dok/BBA 112/1874 und Fund des Monats: Leihgaben wider Willen).

 

Eine Aussage in einem nur ein Jahr später verfassten Dienstreisebericht hinterlässt den Eindruck, dass die Objektfotografie generell im Zusammenhang mit der Inventarisierung von Museumsgut als notwendig erachtete wurde. Der Bericht stammt von den beiden Museumsmitarbeitern Friedrich von Rhein und Wilhelm Johann. Im September 1947 reisten sie nach München. Ein Besuch des Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik stand auf dem Programm ihrer Dienstreise (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/1303). In München tauschten sich die beiden mit Fritz Vollmar über die Inventarisierungspraxis der beiden Museen mit Hilfe von Karteikarten aus. Als Vorteil der ausführlichen Bochumer Kartei gegenüber den knappen Angaben der Münchener stellten Johann und von Rhein fest, „dass wir anhand unserer Karten, ein genaueres Bild über den Gegenstand erhalten können, ohne diesen selbst zu sehen und dass die Karte darüber hinaus ein Foto […] enthielte.“

 

Tatsächlich befindet sich auf den heute noch im Deutschen Bergbau-Museum Bochum bewahrten Karteikarten ein Feld für eine entsprechende Fotografie. Allerdings blieb es nicht selten leer, insofern muss die Aussage der Mitarbeiter gegenüber dem Münchener Kollegen ein Stück weit relativiert werden. Festzuhalten ist aber, dass das Aufbringen eines Bildes auf den Karteikarten, wenn nicht als unabdingbar, so doch zumindest als wünschenswert erachtet wurde.

 

1950 hören wir erneut von der Objektfotografie im Museum. Karl Block, ebenfalls im Museum tätig, berichtet von seinem Besuch der ersten Photokina (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/1303). Der eine Seite umfassende Vermerk über die Messe in Köln endet damit, dass Block sich neues Equipment zum Fotografieren wünschte. „Da das Museum gerade in letzter Zeit häufiger kleinere Gegenstände zu fotografieren hat (Tassen, Krüge usw.), von denen Aufnahmen ohne Naheinstellgerät nur schwer bei uns gemacht werden können, weil mit dem normalen Leicaobjektiv das Negativformat nicht ausgenutzt werden kann, so dass nachträglich ein zu starkes Vergrößern erforderlich ist, schlage ich vor, das Naheinstellgerät, das ein Herangehen bis zu 44 cm an den Aufnahmegegenstand erlaubt, zu kaufen.“ Block ging nicht fehl in seiner Bitte, wie der handschriftliche Vermerk „ja“ des damaligen Museumsdirektors Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann vermuten lässt. Der Direktor legte genau wie sein Mitarbeiter offenkundig Wert auf eine gute Aufnahme der Objekte.

 

Aus dem Vermerk Blocks geht hervor, dass das Museum 1950 wieder über eine eigene Leica-Kamera verfügte, mit der die Objektfotografien getätigt wurden. Die Fotografien bzw. die zugehörigen Negative, die in den ersten Jahrzehnten im Deutschen Bergbau-Museum Bochum von Objekten, aber auch von Ausstellungen, den Museumsgebäuden sowie bei Dienstreisen, Veranstaltungen und Ausflügen gemacht wurden, befinden sich noch in der im Montanhistorischem Dokumentationszentrum betreuten Fotothek. Ein wichtiger Teil dieser frühen Negative soll in der nächsten Phase des Projektes „montan.dok 21“ archivisch erfasst und digitalisiert werden.

 

18. März 2020 (SCHÄ)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv (BBA) 112/1874, 112/1303 und 120/1185.

 

Kemnitz, Katja: Die Geschichte der Photokina, abrufbar unter: https://kwerfeldein.de/2012/09/05/die-geschichte-der-photokina/ (Stand 04.03.2020).

 

Schäpers, Maria: Bergbau  bewahren – Ein Workshop für Vereine mit bergbaulichen Sammlungen, abrufbar unter: https://www.bergbaumuseum.de/news-detailseite/bergbau-bewahren-ein-workshop-bericht (Stand 04.03.2020).

 

Waldemer, Georg: Fotografische Bestandserfassung, in: Henker, Michael (Hrsg.): Inventarisation als Grundlage der Museumsarbeit, Berlin/München 2013 (= MuseumsBausteine, 13), S. 37-49.