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Daten in Löchern: Ein Speichermedium aus der Frühzeit der Datenverarbeitung

Eine Karteikarte mit knappen handschriftlichen Notizen, einem Foto sowie unzähligen unterschiedlichen Lochungen – diese Überlieferung in der Fotothek des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) mutet auf den ersten Blick ungewöhnlich an und wirft Fragen auf. Die Karte ist recht schnell als so genannte Lochkarte, genauer als Bildlochkarte und damit als ein Datenträger aus den frühen Jahren der elektromechanischen und später Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) identifiziert. Sie wirft interessante Schlaglichter auf die historische Entwicklung der automatisierten Datenverarbeitung im Steinkohlenbergbau des Ruhrgebietes, bei der früheren Westfälischen Berggewerkschaftskasse (WBK) und dem von dieser getragenen Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM).

 

Die Karte im Format DIN A5 (21 x 14,8 cm) ist links oben abgeschrägt. Unter einem dicken roten Strich an der Oberkante stehen handschriftliche Informationen, in der rechten oberen Ecke findet sich eine kleinformatige Fotografie. Laut den Eintragungen zeigt sie eine entgleiste Grubenlokomotive auf der Zeche Germania am 07. Januar 1964, ein Unfall, der den Lokomotivführer das Leben gekostet hat. Ungewöhnlich ist nun der Bereich darunter, in dem in verschiedenen Rubriken in Spalten und Zeilen Nummern mit unterschiedlichen Lochungen aufgebracht sind. Sie enthalten die Informationen in maschinenlesbarer Form.

 

Besagte Bildlochkarte ist eine Sonderform der Lochkarten. Diese sind in dem von Hermann Hollerith (1860-1929) in den USA entwickelten und nach ihm benannten Verfahren zur automatisierten Datenerfassung und -auswertung mittels elektromechanischer Maschinen als Datenträger verwendet worden. Die Informationen wurden mit speziellen Stanzmaschinen nach einer vorgegebenen Codierung auf die Lochkarten aufgebracht. Diese wurden dann maschinell sortiert und konnten mit den so genannten Tabelliermaschinen nach unterschiedlichen Kriterien ausgewertet werden. Das neue Verfahren wurde bei der Volkszählung 1890 in den USA eingesetzt und beschleunigte die Auszählung und Auswertung der erhobenen Daten enorm. Damit hatte es seine Feuertaufe bestanden. Zur kommerziellen Verwertung seiner Erfindung gründete Hollerith 1896 die Tabulating Machine Company, aus der im Zuge einer Fusion die Computing Recording Corporation und 1924 schließlich die International Business Machines Corporation hervorging, die heute unter dem Kürzel IBM als ein weltweit führendes IT- und Beratungsunternehmen bekannt ist.

 

Bei der Einführung des Hollerith-Verfahrens in Deutschland soll Carl Duisberg (1861-1935) eine führende Rolle gespielt haben. Duisberg war damals Direktor und seit 1912 Generaldirektor der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. Nach dem Zusammenschluss führender deutscher Chemie- und Pharmafirmen in der Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG von 1926 bis 1935 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Konzerns. Er soll das Hollerith-Verfahren bei einer Amerikareise 1909 kennengelernt und dessen Einführung bei der „IG Farbenwerke“ (Wilberg, S. 2) – womit zum damaligen Zeitpunkt eigentlich nur die Firma Bayer gemeint sein kann – veranlasst haben. Den Vertrieb der aus Amerika eingeführten und später dann in Lizenz gebauten Maschinen übernahm die 1910 gegründete Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft (DEHOMAG). Deren Geschäft entwickelte sich zunächst nur langsam, konnte sich das Hollerith-Verfahren doch erst nach dem Ersten Weltkrieg und den wirtschaftlich unsicheren Nachkriegsjahren in größerem Umfang durchsetzen. Der Umsatz der DEHOMAG stieg seit 1925 sprunghaft und verfünffachte sich bis 1935 (Wilberg, S. 5). In dieser Zeit führte eine ganze Reihe staatlicher Ministerien und Statistische Ämter sowie industrielle Großunternehmen, viele Banken und weitere Einrichtungen das Hollerith-System ein, darunter die Fried. Krupp AG im Jahr 1927 oder auch die Ruhrknappschaft.

 

In den Bergbauunternehmen des Ruhrgebiets war die neue Technik indessen umstritten. Eine Vorreiterrolle übernahm die Gruppe Gelsenkirchen der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, die Teil der 1926 als Zusammenschluss führender Montanunternehmen gegründeten Vereinigte Stahlwerke AG war. Bergassessor Friedrich Wilhelm Schulze Buxloh, Leiter der Bergbaugruppe Gelsenkirchen, führte das Hollerith-Verfahren 1932 in der Lohnbuchhaltung, der Materialbewirtschaftung und dem Kohlenversand ein, blieb damit aber in der GBAG lange Zeit allein. Diese verzögerte Einführung war den in den bergbaulichen Führungseliten sowie auch in der Konzernzentrale der Vereinigte Stahlwerke AG offenkundig weit verbreiteten und teils massiven Vorbehalten geschuldet.

 

Ein Beispiel ist Bergassessor Ernst Brandi, Leiter der Gruppe Dortmund als damals größter Bergbaugruppe der GBAG. In seiner Korrespondenz mit Schulze Buxloh vom Dezember 1933/Januar 1934 (montan.dok/BBA 41/587) begründete er seine Skepsis damit – wie Schulze Buxloh es in seinem Schreiben vom 18. Dezember 1933 zusammenfasste –, dass „das Verfahren mit amerikanischen Maschinen arbeite und durch die Einführung der Maschinen Menschen überflüssig würden“. Schulze Buxloh entgegnete, dass die DEHOMAG ein rein deutsches Unternehmen sei, die Hollerith-Maschinen mithin durch deutsche Arbeiter produziert werden würden, die Mechanisierung und Rationalisierung im Steinkohlenbergbau seit Mitte der 1920er-Jahre insgesamt „hunderttausend Menschen entbehrlich gemacht hat“ und sich die erwarteten Rationalisierungseffekte durch das Hollerith-Verfahren darin nicht unterscheiden würden. Wenngleich diese Argumente wohl durchaus Eindruck auf Brandi machten, so konnten sie seine Zweifel, „ob man bei der Eigenart des Bergbaus und der hier geübten Kontrolle das Hollerith-Verfahren mit Erfolg verwenden kann oder nicht“, offenbar noch nicht restlos beseitigen.

 

Wie dem auch sei, innerhalb der GBAG hat zumindest bis Ende 1938 keine der anderen Bergbaugruppen das Hollerith-Verfahren eingeführt, ganz im Unterschied zu einigen anderen Bergbauunternehmen. 1938 wurden in Deutschland sieben Bergbauunternehmen gezählt, die mit dem Hollerith-System arbeiteten. Insgesamt scheint sich das Verfahren also seit etwa Mitte der 1930er-Jahre auch im deutschen Bergbau sukzessive durchgesetzt zu haben.

 

Von der weiteren Verbreitung der Lochkarte zeugt nicht zuletzt die eingangs beschriebene Bildlochkarte, und sie verweist zugleich auf ihre Ablösung durch Magnetbänder als moderneren Speichermedien in der EDV seit den 1960er-Jahren. Die Karte ist Bestandteil einer Kartei mit ca. 500 Lochkarten und Bildlochkarten in der fotografischen Überlieferung des DMT-Instituts für Unternehmensführung und Fortbildung (IFU), die unter der Signatur FOT 25 in der Fotothek bewahrt wird. Hauptzweck des IFU war die Fort- und Ausbildung von Fach- und Führungskräften, insbesondere in den Bereichen Technik, Arbeitssicherheit und Umwelt. Die Kartei umfasst überwiegend Bildlochkarten, die Unfälle, in der Regel mit tödlichem Ausgang, dokumentieren. Bei einem kleineren Teil handelt es sich um einfache Lochkarten ohne Bild. Sie enthalten Informationen vermutlich zu Fotografien des IFU, die als solche nicht in der Fotosammlung überliefert sind. Die Datierungen auf den Karten umfassen die Jahre 1957 bis 1973, die Lochkarten selbst dürften aber erst später, wohl nach 1975 hergestellt worden sein.

 

In dieser Zeit wurden bei der WBK eine zentrale Großrechenanlage installiert und das Datenbanksystem SESAM eingeführt, und in diesem Kontext startete im damaligen Bergbau-Museum 1975 das ambitionierte Vorhaben zur Implementierung einer Datenbank, die alle Dokumentationsbereiche des Museums umfassen und den Zugriff auf die forschungsrelevanten Sammlungsinformationen wesentlich und nachhaltig optimieren sollte. Datenerfassung und Dateneingabe sowie die Formulierung von Abfragen erfolgten dabei mit speziellen Formularen, den so genannten Aufgabenbelegen, zur codierten Datenerfassung. Anhand dieser Aufgabenbelege erstellte ein externer Dienstleister anschließend Lochkarten, mit denen die Daten bzw. die Abfragen in die Rechenlage eingelesen wurden. Das aus heutiger Sicht umständlich anmutende Verfahren wurde mit der technischen Entwicklung im Laufe der Jahre vereinfacht und verbessert. Im Prinzip aber wurde es bis etwa Mitte der 1990er-Jahre und der Umstellung auf eine Datenbank unter MS ACCESS beibehalten. Einführung und Weiterentwicklung der EDV-gestützten Dokumentation bedingten teils grundlegende Anpassungen in der inhaltlichen und formalen Sammlungserschließung, die im Rahmen des Projekts montan.dok 21 eingehend nachvollzogen worden und u. a. in den internen Leitfaden zur Sammlungsdokumentation eingeflossen sind.

 

Das skizzierte Verfahren verweist darauf, dass Lochkarten wie auch Aufgabenbelege nicht für eine langfristige Aufbewahrung vorgesehen waren, sondern nach Erfüllung ihres Zwecks in der Regel vernichtet worden sind. So sind diese Unterlagen heute nur sehr vereinzelt in den Beständen des montan.dok überliefert. Damit ist die Kartei des IFU über ihren Informationswert hinaus auch ein beispielhafter Beleg für die historische Entwicklung der Datenverarbeitung und ein Ausgangspunkt für die Erforschung der bislang noch kaum untersuchten Geschichte der Verwaltungsorganisation im Ruhrbergbau wie auch im deutschen Bergbau insgesamt.

 

01. November 2022 (Dr. Stefan Przigoda)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Fotosammlung Fot 25, DMT-Institut für Unternehmensführung und Fortbildung (IFU)

 

Artikel „Lochkarte“ in: Wikipedia. Unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Lochkarte (Eingesehen: 24.10.2022).

 

Artikel „Tabelliermaschine“ in: Wikipedia. Unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Tabelliermaschine (Eingesehen: 24.10.2022).

 

Farrenkopf, Michael: Bergbau-Archiv und montan.dok. Dokumentation, Service und Forschung zur industriellen Montangeschichte, in: Slotta, Rainer (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930 bis 2005). Vom Wachsen und Werden eines Museums, Bd. 1, S. 173-240.

 

Ganzelewski Michael/Vossenkuhl, Maren/Werner Claus: Leitfaden zur Sammlungsdokumentation in den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Version 1.0, unveröffentlichtes Manuskript, Stand: Januar 2020.

 

Kroker, Werner: Die Dokumentation von Quellenmaterial im Deutschen Bergbau-Museum. Grundlagenforschung für die Montangeschichte mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung, in: DER ANSCHNITT 32, 1980, S. 155-164.

 

Werner, Claus: Zwischen Karteikarte und Lochkarte. Sammlungsdokumentation am Deutschen Bergbau-Museum Bochum zu Beginn des Computerzeitalters, unveröffentlichtes Manuskript, Stand: 12.10.2020.

 

Wilberg, Heinz-Adolf: Die Hollerithabrechnung im Steinkohlenbergbau. Ein Vergleich des manuellen mit dem maschinellen Abrechnungsverfahren, unveröffentlichte Diplomarbeit 1938/1939 (Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 41/588).