Skip to main content

Dem Druck standhalten

Etwa 140 Fußballfelder Holzbestände verbrauchten die Ruhrgebietszechen Ende der 1940er-Jahre täglich für die Grubenbaue. Was manchem unter Umweltschutzgesichtspunkten heute die Tränen in die Augen treiben dürfte, war auch damals nicht problemlos – vorrangig aus Kostengründen. Das damalige Bergbau-Museum Bochum widmete sich eingehend den Fragen einer effektiven Nutzung von Holz unter Tage.

 

Im Zuge der Neuaufstellung der Abteilung Grubenausbau im Museum nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Experimente mit Holzstempeln durchgeführt. „Da aus der Literatur keine eindeutigen verwertbaren Angaben über Festigkeit und andere Eigenschaften von Grubenholz zu erhalten sind, wurden großzügige Druckversuche in die Wege geleitetet und in Zusammenarbeit mit der Seilprüfstelle durchgeführt.“ So hieß es im Tätigkeitsbericht des Museums von April 1949 (vgl. montan.dok/BBA 112/2232). Die Versuche sollten geeignete Unterlagen und Ausstellungsstücke für die Ausstellung liefern, wie der damalige Museumsdirektor Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann und der Kustos des Museums Julius Raub in einem unveröffentlicht gebliebenen Artikel über die Versuchsergebnisse 1951 beschrieben. Tatsächlich wurden zunächst Experimente „an einer liegenden Seilzerreißmaschine von 125 t und später an einer stehenden Presse von 450 t Druckkraft ausgeführt“, wie weiter aus den Ausführungen Winkelmanns und Raubs zu erfahren ist (vgl. montan.dok 2484).

 

Material für die Untersuchungen bekam das Bergbau-Museum Bochum von mehreren Zechen zur Verfügung gestellt, sowohl Nadel- als auch Laubholz wurden auf ihre Belastbarkeit geprüft. Dabei wurden die Versuche genauestens dokumentiert. Von dieser Dokumentation sind heute noch eine Reihe Negative und entsprechende Positive aus den Jahren 1949 bis 1951 vorhanden. Diese zeigen die getesteten Stempel während der Druckversuche. Ein Beispiel aus einer frühen Testphase ist ein heute noch vorhandener Stempel aus Kiefernholz, der von der Gewerkschaft Vereinigte Constantin der Große dem Museum zur Verfügung gestellt wurde (montan.dok 030017010001). Seine Druckfestigkeit wurde im September 1949 unter Aufsicht von Raub in der Seilprüfstelle der Westfälischen Berggewerkschaftskasse Bochum getestet. Die Auswirkung des hohen Druckes zeigen sich bei diesem Exemplar in einer radialen Aufspaltung am oberen Ende des Stempels.

 

Winkelmann schickte im Januar 1951 den gemeinsamen Entwurf des Ergebnisberichtes über die Versuche mit Bitte um Stellungnahme an Dr.-Ing. habil. Ernst Glebe, der bei der Deutschen Kohlenbergbau-Leitung in Essen tätig war. Dies geht aus der Akte „Grubenausbau, Unterabteilung Holzausbau“, in der noch weiterer Schriftverkehr und Vermerke zu den Experimenten und der besagten Abteilung im Museum in dieser Zeit enthalten sind, hervor (vgl. montan.dok/BBA 112/1811). Glebe hatte einige Kritikpunkte. Er machte besonders auf die Schwierigkeit bezüglich der Aussagekraft von auf dem Prüfstand gemachten Beobachtungen aufmerksam. Sie hätten in der Regel den Nachteil, „dass die Gebirgsdrücke und Gebirgsbewegungen untertage nur selten von ihnen völlig erfaßt werden“. Problematisch fand er zudem die im Ergebnis formulierte Aussage: „Das Holz ist ein Ausbaustoff von hervorragenden Eigenschaften, der in vielen Stücken dem Metallausbau völlig gleichwertig ist, ihn in mancher Beziehung sogar übertrifft.“

 

Winkelmann verteidigte die Versuche in seiner Antwort am 20. Februar 1951 gegenüber Glebe. Es sei keineswegs ihre Absicht gewesen, die Ergebnisse der Versuche auf dem Prüfstand ohne weiteres auf die Grube zu übertragen. Sie hätten sich aber bemüht, für die Versuche Verhältnisse zu schaffen, die denen in der Grube möglichst nahekommen. Er stimmte Glebe aber zu, die Aussage über die guten Eigenschaften des Holzes bei Veröffentlichung abzuschwächen. In dem vorliegenden Manuskript ist dies auch geschehen, hier heißt es nun: „Das Holz ist ein Ausbaustoff, der in mancher Beziehung dem Metallausbau gleichwertig ist, ihn in einzelne Stücken sogar übertrifft.“

 

Winkelmann betont in seinem Schreiben an Glebe, dass sie die Experimente zwar gerne noch ausgeweitet hätten, aber dies den Zeitrahmen gesprengt hätte. Trotzdem fanden auch nach dem Februar 1951 noch Experimente statt, wie die Fotodokumentation und beispielsweise ein Untersuchungsbericht über die Längsdruckfestigkeit von Roteichenstempeln bezeugen. Diesen schickte Winkelmann an Professor Dr. Mayer-Wegelein von der Forstlichen Fakultät in Hann. Münden am 21. März 1952 mit dem Kommentar, dass die Versuche erst kürzlich durchgeführt werden konnten (montan.dok/BBA 112/1811). Wenn zwar offenkundig die Ergebnisse der Versuche nicht wie geplant veröffentlicht wurden, dann profitierte man doch an anderer Stelle davon, wie der genannte Bericht zeigt.

 

Aus den Museumsführern von 1954 und 1959 geht hervor, dass die Experimente ihren Niederschlag in der Ausstellung fanden. Neben zahlreichen Stempeln aus den Druckversuchen dokumentierten damals Anschauungstafeln die Versuche im Bereich Grubenausbau. Laut Tätigkeitsbericht für den Monat Juni 1951 waren die Tafeln und Schaubilder, die die Ergebnisse der Holzversuche des Bergbau-Museums Bochum zeigen, von einem externen Grafiker erstellt worden (vgl. montan.dok/ BBA 112/2232).

 

Die Grubenholzdruckversuche zeigen, dass schon vor langer Zeit im Deutschen Bergbau-Museum Bochum ein Interesse an eigener Forschung nicht zuletzt für die Ausgestaltung einer informativen Ausstellung für Besucherinnen und Besucher bestanden. Aus den bescheidenen Anfängen sind sechs forschende Bereiche, nämlich die Archäometallurgie, die Bergbaugeschichte, die Materialkunde, die Montanarchäologie sowie das Forschungslabor und das Montanhistorische Dokumentationszentrum (montan.dok) am Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen, erwachsen. Im zuletzt genannten Bereich ist das Projekt „montan.dok 21“ angesiedelt, in dessen Rahmen das Schriftgut und die Fotodokumentation aufgearbeitet wurden bzw. noch aktuell aufgearbeitet werden.

 

02.07.2020 (SCHÄ)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030017010001 und 2484

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 112/2232, 112/1811

 

Bergbau-Museum (Hrsg.): Wegweiser durch das Bergbau-Museum. Ein Gang durch Geschichte und Kultur des Bergbaus, Bochum 1954.

 

Bergbau-Museum (Hrsg.): Wegweiser durch das Bergbau-Museum. Ein Gang durch Geschichte und Kultur des Bergbaus, Bochum 1959.

 

Müller, Friedrich: Maßnahmen zur Ersparnis von Grubenholz, in: Glückauf 85, 1949, Heft 23/24, S. 414-417.