Skip to main content

Der Riesenammonit aus dem Hünxer Wald in Dinslaken

Im Januar 1964 wurden beim Abteufen des Schachtes 3 der Zeche Lohberg in Dinslaken im Hünxer Wald in einer Teufe von 118 Metern die versteinerten Überreste eines riesigen Ammoniten gefunden. Es handelte sich dabei um die Sedimentausfüllung der Kalkschale des Kopffüßers, einen so genannten Steinkern.

 

Das Fossil fand sich auf der Schachtsohle flach eingebettet in einer Kalksandsteinbank der so genannten Osterfelder Sande innerhalb der Recklinghausen-Formation des Obersantons. Nachdem der etwa 350 Kilogramm schwere Steinkern zu Tage gebracht worden war, lag er mehrere Monate im Betriebsbüro am Schacht, bevor er durch die Hamborner Bergbau-AG, zu der die Zeche Lohberg gehörte, dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaues bei der Westfälischen Berggewerkschaftskasse zu Bochum (WBK) zur Ausstellung und wissenschaftlichen Bearbeitung überlassen wurde. In Bochum wurden die drei Bruchstücke des Fundes zu zusammengefügt. Der größte Durchmesser des Steinkerns beträgt danach ca. 1,3 Meter. Von einer Spezialfirma konnten anschließend zwei, vom Original kaum unterscheidbare Abgüsse für die Hamborner Bergbau-AG und das „Haus der Heimat“ in Dinslaken hergestellt werden.

 

Im Gebäude der WBK an der Herner Straße wurde der Riesenammonit 1965 dann flachliegend zusammen mit Begleitfauna (Muscheln) aus denselben Fundschichten in einem Bett aus Kreidesand ausgestellt und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bisher waren nur sehr wenige Exemplare dieser riesigen Schalenträger innerhalb der niederrheinisch-westfälischen Kreideformation gefunden worden, so dass man im Gebäude der WBK schon viele Jahre zuvor einen Abguss des bereits im 19. Jahrhundert in einem Steinbruch bei Seppenrade im Münsterland gefundenen und als Pachydiscus seppenradensis durch Hermann Landois beschriebenen Ammoniten mit einem Durchmesser von 1,8 Metern aufgestellt hatte. Der Abguss befindet sich noch heute in dem Gebäude an der Herner Straße, das Original im LWL-Museum für Naturkunde in Münster.

 

Die wissenschaftliche Bearbeitung des Fossils von der Zeche Lohberg sollte bereits kurz nach der Überführung an der WBK durch die Kreidespezialistin Dr. phil. Dora Wolansky erfolgen. Sie stellte den bemerkenswerten Fund auch auf Vorträgen vor. Jedoch fand offenbar eine eingehende Untersuchung bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand am 01. April 1969 nicht statt. Zumindest sind keine Veröffentlichungen mit den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Bearbeitung bekannt. Dies mag für den sachkundigen Betrachter zunächst etwas verwunderlich erscheinen, war Dora Wolansky doch in ihrem Sachgebiet, dem Deckgebirge, 1967 genau in den Fundhorizonten des Ammoniten tätig, als sie mit den montangeologischen Untersuchungen zum Schachtbauvorhaben Schacht Altendorf der Hibernia AG betraut war. Doch genau in dieser Zeit wirkten sich die Folgen der Kohlenkrise auch auf die Forschung der WBK und insbesondere auf das Geologische Institut aus. Wissenschaftliche Vorhaben wurden gestrichen und die geowissenschaftlichen Forschungen und Aktivitäten konzentrierten sich in der Folgezeit immer mehr auf praxisnahe Arbeiten. Die klassische geowissenschaftliche Forschung und damit auch die Bearbeitung von Fossilfunden traten bei der WBK immer weiter in den Hintergrund.

 

Als Reaktion auf die Veränderungen überführte man das Geologische Museum mit einem großen Teil der inzwischen historischen Sammlungen ab 1974 in das damalige Bergbau-Museum Bochum. Dort richtete man in der Folgezeit zunehmend Ausstellungen ein, die um das Thema „Rohstoffe“ einen weiteren Ausstellungsschwerpunkt bildeten. Schon 1978 wurde die Halle „Lagerstätten und Rohstoffe“ eröffnet, in der mittels didaktischer Aufbereitung wirtschaftlich wichtige Rohstoffe im Zusammenhang mit der zugehörigen Lagerstätte präsentiert wurden. Eingerahmt wurden die Ausstellungseinheiten durch Präsentationen von besonders spektakulären Funden wie z.B. der Inszenierung eines der frühesten vierbeinigen Landbewohner aus dem Oberkarbon, von dem nur die Fußspuren bekannt sind. Hier wurde auch der große Ammonit aus Dinslaken, nun aufgerichtet, präsentiert.

 

In der 2019 eröffneten neuen Dauerausstellung ist man im Deutschen Bergbau-Museum Bochum von dem beschriebenen Ausstellungskonzept abgerückt, hat aber den Ammoniten weiterhin in die Ausstellung einbezogen.

 

Erstaunlicherweise sollte es bis 2020 dauern, bis auch die Forschung das Fossil wiederentdeckt hat. Neben der systematischen Einordnung des Fossils laufen aktuell Untersuchungen der anhaftenden Reste weiterer Lebewesen aus dem Kreidemeer sowie des Nannoplanktons, das durch Beprobung des Sediments in oder an dem Steinkern gewonnen werden kann.

 

16.04.2020 (Dr. Michael Ganzelewski)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) am Deutschen Bergbau-Museum Bochum 060006400001

 

Geologisches Institut der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (Hrsg.): Aus dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaus zu Bochum, 3. Aufl., Herne 1967.

 

Hahne, Carl: Riesenammonit aus der Oberkreide des Niederrheins, in: Glückauf 101, 1965, S. 622.

 

Kaplan, Ulrich: Ein neues Exemplar von Parapuzosia (Parapuzosia) seppenradensis (Landois, 1895) aus dem Typusgebiet von Seppenrade, Münsterland, in: Geologie und Paläontologie in Westfalen 88, 2016, S. 49-61.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1964, Herne 1964.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1965, Herne 1965.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1967, Herne 1967.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1969, Herne 1969.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1974, Herne 1974.

 

Westfälische Berggewerkschaftslasse zu Bochum (Hrsg.): Jahresbericht 1978, Herne 1978.

 

Wolansky, Dora: Pachydiscus seppenradensis LANDOIS, der Riesenammonit aus der westfälischen Kreide, in: Paläontologische Zeitschrift 37 (1/2), 1963, S. 23.