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„Gewollt habe ich jedenfalls das Beste“ – Ein Roman als Aushängeschild für den Bergbau?

Für ihre Recherche zu „Jan Ellerbusch. Ein Jugendschicksal aus dem Kohlenrevier“ scheute die Kinderbuchautorin Anna Dorothea Geiger-Hof keine Mühen. Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges machte sie sich 1943 unter anderem auf der Zeche Zollverein ein Bild von der Arbeitswelt unter Tage. Außerdem besuchte sie in dieser Zeit erstmals das damalige Bergbau-Museum Bochum. Zum Dank für die Unterstützung ihrer Arbeit schickte sie dem seinerzeit amtierenden Museumsdirektor nach Veröffentlichung des Werkes ein Belegexemplar. Den gewünschten Anklang fand die Hommage an die Bergleute jedoch nicht.

 

Geiger-Hof (1897-1995), die auch unter dem Namen ihres ersten Mannes, Geiger-Gog, und dem Pseudonym Hanne Menken publizierte, erzählt in „Jan Ellerbusch“ die Kindheits- und Jugendgeschichte des gleichnamigen Hauptprotagonisten, der als Nesthäkchen einer fünfköpfigen Bergmannsfamilie im Ruhrgebiet aufwächst. Wer Spannung, Abenteuer, Streiche oder gar Rebellion eines Heranwachsenden erwartet, wird enttäuscht. Die 1897 in Stuttgart geborene Autorin schildert in anekdotenhaften Kurzkapiteln das alltägliche Leben einer Arbeiterfamilie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei webt die gelernte Pädagogin aus sozialdemokratisch engagiertem Hause – wie für ihre Kinderbücher typisch – Lyrik, Liedtexte, vor allem aber zeitgeschichtliche Bezüge, sozialkritische Themen und moralische Fragen in die Gesamterzählung ein.

 

Die behütete Kindheit des um 1934 geborenen Jans wird erstmalig mit der Arbeitslosigkeit des Vaters und dem damit verbundenen Umzug der Familie aus dem Zechenhäuschen in eine enge Mietwohnung durcheinandergebracht. Hunger, Angst und Verlusterfahrungen während des Zweiten Weltkriegs sowie der folgenschwere Arbeitsunfall seines Vaters berauben ihn dann schließlich endgültig seiner Unbeschwertheit. Trotz oder gerade wegen der Zerstörung des Ruhrgebiets und der anhaltenden Not, so gibt Geiger-Hof als überzeugte Pazifistin Jan und ihren Leser:innen mit auf den Weg, sind Fürsorge und gegenseitige Wertschätzung ebenso wichtig wie der anhaltende Frieden in der Welt. Wie es ist, sowohl die Freiheit als auch den Frieden zu verlieren, hatte die Autorin am eigenen Leib erfahren. Aufgrund ihrer kommunistischen Einstellung wurde sie 1933 kurzzeitig inhaftiert. Ihr Mann war indessen über die Schweiz in die Sowjetunion geflohen. Unter Beobachtung der Geheimen Staatspolizei stehend, tat schließlich der Zweite Weltkrieg sein Übriges, um ihr seit 1928 bestehendes Engagement in der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ zu befördern.

 

Ihre Friedensbotschaft vermittelt Geiger-Hof, indem sie auf gängige Stereotypen von Bergleuten zurückgreift. Diese beschreibt sie als kräftige, widerstandsfähige und leistungsstarke Menschen, die sich trotz Differenzen spätestens bei Gefahr im Verzug ihres Kameradschaftsgeistes besinnen und füreinander einstehen. Jan lernt diese Lektion von seinem Großvater, der Zeit seines Lebens unter Tage arbeitete und nach zwei Weltkriegen am Ende seines Lebens resümiert: „Meine Welt liegt in Trümmern, mir scheint, sie hat auch nicht viel getaugt, wenn an ihrem Ende nur Schutthaufen und Berge von Leid und Schmerz stehen. Die neue Welt müßt ihr Jungen euch einmal selbst aufbauen. Alle zusammen, Jan, und miteinander, wie wir’s im Kohlberg [sic!] machten, du verstehst. Macht es besser, als wir es taten! Gemeinsam müßt ihr die Gefahr abwenden, den Krieg, denn er ist euer Feind, er betrügt euch alle um euer Leben, und eure Kinder um eine sorglose, frohe Jugendzeit. Es ist närrisch, Junge, ich weiß es, und doch wollte ich, ich könnte es der ganzen Jugend in der ganzen Welt klarmachen, daß es größer ist, den Frieden zu gewinnen als den Sieg.“ (Geiger-Hof, Jan Ellerbusch, S. 166)

 

Diese Passage im letzten Drittel des Buches fällt in die Phase, in der Jan zum Leidwesen seiner Eltern Interesse am Beruf des Bergmanns entwickelt. In Gesprächen mit seinem älteren Bruder möchte er verstehen lernen, warum „der Kumpel den Kohlberg [sic!] verflucht und ihn dennoch liebt“ (ebd., S. 155). Arbeitsabläufe, Betriebsklima und Ausbildungswesen sowie Berufsstolz und die Bedeutung des Bergbaus für Wirtschaft und Gesellschaft sind Themen, mit denen sich Jan auseinandersetzt. Zur Vertiefung der neugewonnenen Erkenntnisse besucht er gemeinsam mit zwei Freunden aus der Nachbarschaft das Bochumer Bergbau-Museum. Wer die Bestände des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) kennt, der weiß, von welcher zweizinkigen Hirschhornhacke aus Belgien im Roman die Rede ist, wie die Bergmannsuniformen in den 1950er-Jahren ausgestellt waren und welches Modell dem Illustrator Nikolaus Plump als Vorlage für die Abbildung der Rundbaumförderung diente.

 

Amüsiert, zwischen den Zeilen etwas pikiert, schilderte Geiger-Hof dem damaligen Museumsdirektor, Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann, dass sie bei ihrer Recherche in den Ausstellungshallen unter ständiger Aufsicht von Museumsmitarbeitern gestanden hätte. Diese hätten sie zudem lediglich auf „Dinge“ aufmerksam gemacht, „die wohl gewöhnlich besuchenden Frauen am interessantesten sind“ (auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/790, I). Ihr Interesse an den technischen Dingen, ihre Verweildauer im Museum und ihre Notizen, berichtete sie weiter, „alterierte“ die Hallenaufsicht zunehmend: „Zuerst machte mir die Sache Spaß. Aber allmählich, als auch noch Herren Ihres Büros mit gewichtigen Schritten, die die ganze Stille des Museums aufreizend zerrissen, erschienen und so betont nachsehend, ob auch nichts geklaut sei, durch die Säle liefen, da machte mich diese Sache nervös.“

 

Die Angelegenheit löste sich durch das Schreiben ihres Verlags schließlich in Wohlgefallen auf. Eine am Bergbau interessierte Frau blieb aber verdächtig. Zumindest sah sich Geiger-Hof nach der Veröffentlichung des Romans mit dem Gerücht konfrontiert, dass es sich bei „Jan Ellerbusch“ um ein vom Ruhrbergbau finanziertes Auftragswerk handele. Finanzielle Unterstützung hatte sie nach eigenen Angaben nicht erhalten. Noch bevor ihre Karriere als Schriftstellerin Ende der 1920er-Jahren richtig begonnen hatte, hatte sie mit straffällig gewordenen Jugendlichen, Waisen und Menschen ohne festen Wohnsitz gearbeitet. Vor diesem Hintergrund klingt es glaubhaft, wenn sie erklärt, mit ihrem Werk lediglich dem gesellschaftlich abgewerteten Beruf des Bergmanns „zu der Achtung unter der Jugend verhelfen [zu wollen], die ihm gebührt.“ (montan.dok/BBA 112/791)

 

Die Rückmeldung zu ihrem Roman aus dem Bergbau-Museum traf sie deshalb sehr. In einem von Kustos Julius Raub diktierten und von Winkelmann unterschriebenen Brief heißt es, dass „eine Reihe fachlicher Fehler“ den Wert des Buches „erheblich“ minderten. Außerdem sei es der Werbewirkung für den Bergbau wegen „bedenklich“, den Roman mit einem Grubenunglück enden zu lassen; die Darstellung des Bergbau-Museums habe sogar „erschreckt“ (vgl. ebd.). Ähnlich wie es vermutlich Polizist:innen heute beim Schauen von Kriminalfilmen ergehen mag, konnten es sich die Vertreter des Museums – beide gelernte Bergleute – nicht verkneifen, wenigstens „einige gröbere Fehler“ zu benennen, wenngleich diese für den Handlungsverlauf unerheblich sind. Geiger-Hof, die das Skript von Mitgliedern der Industriegewerkschaft Bergbau inhaltlich hatte prüfen lassen, räumte in ihrer Antwort ein, dass ihre Notizen durch Kriegsverluste unvollständig gewesen seien und sie sich an einigen Stellen unpräzise ausgedrückt habe. Ihre Wahrnehmung von unter Tage und Recherchefähigkeit ließ sie sich jedoch nicht widerstandslos absprechen, wie die angeführten Belege in ihrem Schreiben demonstrieren. Umso irritierender ist es, dass diese emanzipierte Frau den Museumsdirektor am Ende ihres Schreibens fast anfleht, das Skript bei etwaiger Neuauflage auf Herz und Nieren zu prüfen. Seitens des Museums sagte man dies auch großzügig zu. Denn Geiger-Hofs Stellungnahme habe schließlich erneut bestätigt, dass die Atmosphäre unter Tage die Autorin so gefesselt hätte, dass diese „für die Einzelheiten des technischen Betriebes nicht mehr aufnahmefähig“ gewesen sei (vgl. ebd.). Zu den gewünschten Korrekturen, etwa durch die angeregten Einlegeblätter oder eine Neuauflage, kam es nicht. Ob dies an den niedrigen Verkaufszahlen lag, die der Verlag schon im November 1952 konstatierte, oder Geiger-Hof sich schließlich zurückzog, ist der Überlieferung nicht zu entnehmen.

 

Romanmanuskripte zu prüfen und Autor:innen anzuhalten, bei Themen den Bergbau betreffend die rosarote Brille aufzusetzen, gehört heute nicht mehr zum Selbstverständnis des DBM als unabhängigem Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft. Es fördert hingegen einen kritischen Umgang mit Themen zum Bergbau. Im montan.dok, der Forschungsinfrastruktur des Hauses, stellen Mitarbeiter:innen dafür und für vielfältige Formate des Wissenschafts- und Kulturbetriebes die notwendigen Quellen zur Verfügung und beantworten Anfragen von Forschenden und Bergbauinteressierten aus aller Welt.

 

01. März 2022 (Anna-Magdalena Heide, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (montan.dok) 030008070001

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 112/790, 791 und 6359

 

Katz, Gabriele Anni Geiger-Gog (1897-1995). Sozialistische Utopistin und Kinderbuchautorin, in: Dies.: Stuttgarts starke Frauen, Stuttgart 2015, S. 163-173.

 

Geiger-Hof, Anni: Jan Ellerbusch. Ein Jugendschicksal aus dem Kohlenrevier, Stuttgart 1952.

 

Schweigard, Jörg: Geiger-Gog, Anni, Schriftstellerin, 1897-1995, in: Baden-Württembergische Biographien, Bd. 6, Stuttgart 2016, S. 135-137.

 

Städeli, Thomas: Nikolaus Plump. Unter: https://www.cyranos.ch/plump01.htm (Eingesehen: 14.01.2022).

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches+Dokumentationszentrum&ref=60147 und museum-digital. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1093913 (Eingesehen: 24.02.2022).