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„Die Feier beginnt mit dem Anfang“: Fest- und Bierzeitungen der Bergschule Bochum

Es gehörte seit dem späten 19. Jahrhundert über viele Jahrzehnte zum guten Ton, das Ende von zumeist zweijährigen Ausbildungslehrgängen an der Bochumer Bergschule mit einer „zünftigen“ Abschlussfeier zu begehen. Teilnehmende an diesen Feiern waren zumeist die Absolventen der Bergschulklassen in Begleitung sowie Teile des Lehrkörpers. Das „Festprogramm“ folgte dabei einer mehr oder weniger festgelegten Reihenfolge.

 

Eingeleitet und begleitet von Musikstücken gruppierten sich verschiedene ernste und heitere Beiträge um eine offizielle Festrede und ein Festessen. Beständiger Programmpunkt war stets auch das gemeinsame Singen bergmännischen Liedgutes. Abschließend vergnügte sich die Festgemeinde beim gemeinschaftlichen Tanz in heiterer und lockerer Atmosphäre. Ebenso zählte es zum Ritus dieser Feiern, jeweils im Vorfeld eine „Fest-Zeitung“ anzufertigen, die während der Veranstaltung zur Verteilung gelangte und aus der bisweilen auch in den Reden einzelne Passagen vorgetragen wurden. Im Allgemeinen lassen sich diese Zeitungen als so genannte Bierzeitungen bezeichnen.

 

Der Begriff „Bierzeitung“ kennzeichnete ursprünglich eine für eine „Kneipe“ produzierte und während dieser verlesene Festzeitung; er entstammt also dem studentischen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts. Auf „Kneipen“ wurden – dem Comment folgend und üblicherweise mit dem Konsum von Bier verbunden – Studentenlieder gesungen und verbindungsrelevante Riten abgehalten, oft ergänzt durch Reden. Die Mitglieder farbentragender Studentenverbindungen trugen dazu ihr Couleur. Geregelt wurde all dies durch den so genannten Bier-Comment, der alle überlieferten oder durch langjährige Gewohnheit gültigen Regeln in den „Bierangelegenheiten“ zusammenfasste. Der „Bier-Comment“ diente üblicherweise der besseren Ordnung und zur Hebung der Gemütlichkeit, zur Festlegung der „Bierrechte“, also der nach dem Bier-Comment geregelten Rechte der einzelnen Korona-Mitglieder. Bierzeitungen wurden und werden aus einem bestimmten Anlass für eine geschlossene Gruppe von Menschen erstellt und zeichnen sich durch humoristische bzw. satirische Inhalte und Beiträge aus.

 

Das Bergbau-Archiv Bochum als Teil des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum verwahrt in seinem Bestand montan.dok/BBA 120 seit langem die historischen Überlieferungen der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (WBK), Bochum. Da diese Gemeinschaftsorganisation seit ihrer Gründung im Jahr 1864 als Trägerin des Bergschulwesens für den Ruhrbergbau fungierte, befinden sich in diesem Bestand auch zahlreiche Fest- und Bierzeitungen von Abschlussklassen der Bochumer Bergschule. Seit Errichtung des Neubaus an der heutigen Herner Straße in Bochum in den 1890er-Jahren, in den 1899 auch die Geschäftsführung der WBK einzog, war dieses Gebäude der Sitz der Bochumer Bergschule. Sie war zugleich der Ort, an dem die Bergschüler nicht nur die „Schulbank drückten“, sondern durchweg auch ihre Abschlussfeiern abhielten.

 

Die „Fest-Zeitung | Der Vermessungssteiger-Klasse | Bergschule Bochum. | 1. Jahrgang 1926 – 28“ (montan.dok/BBA 120/4618), überschrieben mit „Abend-Ausgabe | Oktober 1928“ nimmt bereits im Innentitel sowohl auf das Bergschulgebäude als auch auf den Charakter einer „Bierzeitung“ Bezug. So findet sich unter einer Zeichnung des Schulgebäudes an der Herner Straße in typisch humoristisch-satirischem Duktus der Eintrag „Bier-Nummer“. Herausgegeben war sie demnach „Von ihm“, als verantwortlicher Redakteur zeichnete ein gewisser „Streckenschleicher“ – sicher in scherzhaftem Bezug auf den bergmännischen Begriff der „Strecke“ als zumeist söhlig aufgefahrener Grubenbau mit gleichbleibendem Querschnitt in Längsrichtung – und ihr Bezugspreis war schlechthin „Unbezahlbar“.

 

Der Inhalt dieser Festzeitung besteht im Folgenden vorrangig aus humorvoll angelegten Kurzporträts der Angehörigen besagter Vermessungssteiger-Klasse, gefolgt von einigen „Annoncen“. So unterrichtete hier die „Schriftleitung“ unter „Familiennachrichten“: „Von diesem großen Wagnis | ist uns | in den verflossenen Jahren | nur 1 Fall | bekannt geworden“ – offensichtlich hatte also einer der Klassenangehörigen während seiner Bergschulzeit geheiratet. Das hier gewählte Beispiel entspricht durch die Sammlung anekdotischer Verse und Erinnerungen der gemeinsam durchlebten Bergschulzeit den heiteren Versionen solcher zumeist nur für einen kleinen Kreis der Beteiligten erstellten Veröffentlichungen. Anspielungen auf als schwierig empfundene und gleichwohl gemeisterte Ausbildungsinhalte treten ebenso hervor wie Verweise auf Charakteristika oder Marotten einzelner Bergschullehrer.

 

Doch erschöpfen sich die historische Aussage und damit der Quellengehalt derartiger Bierzeitungen nicht in den gekennzeichneten humoristisch-satirischen Formalia. Dies sei hier lediglich mit zwei Hinweisen angedeutet: Erstens spiegeln die in den Bierzeitungen humoristisch verbrämten Texte nicht nur zwischen den Zeilen deutlich ihre jeweiligen zeitlichen Entstehungskontexte wider. In den 1920er-Jahren war die generelle Entwicklung des Bergschulwesens nach Beendigung des Ersten Weltkriegs angesichts des neuen demokratischen Staatsverständnisses der Weimarer Republik sowie einer fortgesetzten Technisierung der Arbeitswelt vor allem von einer Spezialisierung der Ausbildung und der Erweiterung der Unterrichtspläne geprägt. Themen wie Staatsbürger- und Gesetzeskunde sowie Volkswirtschaftslehre gewannen nun neben der bislang allein vorherrschenden Bergtechnik deutlich an Gewicht. Dass allein die gesellschaftlichen Veränderungen unter den Bergschülern durchaus auch kritisch beurteilt wurden, lässt sich klar dem Beitrag „Unser Lehrgang“ entnehmen, der der Fest-Zeitung zur Abschlussfeier des Lehrgangs für Grubenbetriebsführer an der Bergschule Bochum von 1925 bis 1926 entstammt: „Der Herbst war kühl und trocken, man konnte noch im Freien liegen. Da wurde unser beschauliches Maulwurfdasein auf die unangenehmste Weise durch das Eintreffen einer Postkarte unterbrochen, die uns in höflichem, aber bestimmten Tone aufforderte[,] auf Zimmer 29 des Bezirkskom … [gemeint ist Bezirkskommando] – nein, das gibts ja leider (sic!) nicht mehr –  als dem der Bergschule zu erscheinen“. Und weiter im Text heißt es: „Nachdem uns endlich der Herr Professor [gemeint ist der Direktor der Bergschule und Geschäftsführer der WBK, Prof. Fritz Heise] begrüsst hatte, erfahren wir zunächst die Neuigkeit, dass das deutsche Reich eine Republik sei.“ Man darf mit einigem Recht unterstellen, dass diese Zeilen aus dem Jahr 1926, sieben Jahre nach Ausrufung der Weimarer Republik, keinesfalls allein satirisch, sondern vielmehr bewusst republikfeindlich gemeint waren.

 

Zweitens ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Bergschulausbildung für das mittlere betriebliche Management – in der Regel also die Steiger – bis in die 1970er-Jahre nicht um ein universitäres Hochschulstudium der Bergbaukunde wie an den Bergakademien bzw. Technischen Hochschulen etwa in Aachen, Berlin, Clausthal-Zellerfeld oder Freiberg handelte, das im eigentlichen Sinne von studentischen Verbindungen auch im Bergbau geprägt war. Es könnte für eine zukünftige Bergbaugeschichtsforschung durchaus lohnend sein, auch danach zu fragen, was es bedeutete, wenn sich die Bergschüler in Bochum solcher Rituale dennoch bedienten.

 

Interessante Quellen hält das montan.dok in seinem Bergbau-Archiv Bochum dafür in jedem Fall bereit.

 

01. Oktober 2022 (Dr. Michael Farrenkopf)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 120/4618

 

Farrenkopf, Michael/Ganzelewski, Michael: Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung. Katalog zur Sonderausstellung. Deutsches Bergbau-Museum Bochum vom 29. Juni 2014 bis 22. Februar 2015, Bochum 2014 (= Kretschmann, Jürgen/Farrenkopf, Michael [Hrsg.]: Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung, Bd. 2).

 

Hauser, Peter: Zur Geschichte des schweizerischen Biercomments, in: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 45, 2000, S. 23-37.

 

Michels, Barbara: Fachbeamtentum und bürgerliche Vergesellschaftung. Der Berg- und Hüttenmännische Verein, Bochum 2012 (Online-Ausgabe: RUB-Repository - Fachbeamtentum und bürgerliche Vergesellschaftung (ruhr-uni-bochum.de)).

 

Moitra, Stefan: Das Wissensrevier. 150 Jahre Bergbauforschung und Ausbildung bei der Westfälischen Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung. Die Geschichte einer Institution, Bochum 2014 (= Kretschmann, Jürgen/Farrenkopf, Michael [Hrsg.]: Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung, Bd. 1).

 

Winkler, Hans-Jürgen: Hochzeits- und Bierzeitungen, Dresden 1982.