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Giganten der Technik: Das Modell der Abraumförderbrücke Skado F32

Bereits in den 1970er-Jahren unternahm das Deutsche Bergbau-Museum Bochum in den Dauerausstellungen mehrere Vorstöße, um dem Vorurteil entgegenzuwirken, ein reines „Steinkohlemuseum“ zu sein. Die Braunkohlengewinnung zeigte man ab 1974 in einem großflächigen Modell des Großtagebaus Fortuna/Garsdorf im Rheinischen Revier. Erst ab den frühen 1990er-Jahren wurden dann weitere größere Baggermodelle aus der Braunkohlengewinnung aufgestellt, um vor allem die Großtechnik detailliert zeigen zu können.

 

Nach der politischen Wende und der „Wiedervereinigung“ beider deutscher Staaten hatte das Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen nicht nur den Anspruch, sondern nun auch stärker die Möglichkeiten, in den Ausstellungen in weiten Ansätzen für den Bergbau in den neuen Bundesländern einen Raum zu schaffen. Es sollte nun auch die für die Lausitz typische Technik unter dem Einsatz von Abraumförderbrücken gezeigt werden. Zu diesem Zweck wurde bei der Firma Modellbau Hermsdorf ein großes Modell erworben (montan.dok 030002779000). Es handelte sich um das Modell der Abraumförderbrücke F32 Skado im Maßstab 1:50.

 

Zunächst fand das über vier Meter lange Modell freistehend einen Platz in der Sonderausstellung „Bagger, Absetzer, Förderbrücken – Großgeräte im Braunkohlenbergbau“, die vom 04. Juli bis 08. September 1993 im Museum gezeigt wurde. Großformatige Fotografien mit Großgeräten aus allen aktiven Braunkohlenrevieren in Deutschland, aufgenommen von Claudia Fährenkemper, sollten die Öffnung des Hauses in weitere Bergbausparten abseits des Steinkohlenbergbaus signalisieren. Für den Braunkohlenbergbau war das nun in Ergänzung zu den westdeutschen Tagebauen der Rheinbraun AG und des niedersächsischen Reviers der Braunschweigischen Kohlen-Bergwerke AG nun auch im Osten für die der Vereinigte Mitteldeutsche Braunkohlenwerke AG (MIBRAG) und die der Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) gut möglich. Und wenngleich eine Reihe von Großvitrinen in der Folgezeit angeschafft und mit Modellen der Großgeräte aus der Braunkohlengewinnung bestückt wurden, schaffte es die Abraumförderbrücke nicht, in der Dauerausstellung aufgestellt zu werden. Deutlich über vier Meter lang und dennoch als Modell sehr filigran und empfindlich, entschied man sich, es im Technischen Depot einzulagern, wo es bis zur Räumung der Depots im Jahr 2016 abgestellt war und anschließend an den Interimsstandort des montan.dok ausgelagert wurde. Sicher ist auch ein Teil der Wahrheit, dass man vielleicht den Aussagewert eines solitären Modells ohne entsprechend umfangreiche Begleiterläuterung unterschätzt hatte, was zu dieser Zeit in der Ausstellung in der Regel über Texte erfolgte. Ohne die in den Förderbrückenbetrieben angeschlossenen Bagger, Absetzer etc. innerhalb eines Tagebauprofils ist die komplexe Technik kaum für die Betrachtenden vermittel- und erfassbar.

 

Bei der Vorbereitung der Sonderausstellung „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“ sah es zunächst so aus, als wäre dies nun die Gelegenheit, das Modell in einem Ausstellungszusammenhang zu zeigen. Zu diesem Zweck wurde es in der hauseigenen Modellbauwerkstatt aufgearbeitet und repariert. Doch wieder sollte das Modell der F32 gegenüber einem anderen zurückstecken müssen. Das Ausstellungsteam entschied sich, das Modell einer modernen Abraumförderbrücke F60 im Maßstab 1:100 zu zeigen, das vom Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld ausgeliehen werden konnte. Einerseits waren wieder Platzgründe für die Entscheidung ausschlaggebend, andererseits geht die Ausstellung bewusst nicht detailliert auf spezifische technische Entwicklungen ein, sondern fokussiert vielmehr die Auswirkungen und Perspektiven von Technikeinsatz im Bergbau generell. Hierfür erwies sich das Modell der Abraumförderbrücke F60 als geeigneter.

 

Das in der aktuellen Sonderausstellung gezeigte, über fünf Meter lange Modell der F60 ist der Großmaschine im Tagebau Reichwalde nachempfunden und durch Lehrlinge der TAKRAF GmbH mit Sitz in Lauchhammer in mehrjähriger Arbeit gebaut worden. Es fand daraufhin den Weg in das heutige Besucherbergwerk F60, das vor allem das Original einer Abraumförderbrücke F60 aus dem Tagebau Klettwitz-Nord umfasst. 1988 erschlossen und Ende 1991 voll einsatzfähig, wurde dieser Tagebau 1992 im Zuge energiestrategischer Überlegungen nach der politischen Wende geschlossen und die Abraumförderbrücke stillgelegt. 2000 wurde sie aus dem Tagebau gefahren und nahe der Ortschaft Lichterfeld abgestellt. Heute als Besucherbergwerk genutzt, war sie ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land und dominiert heute die Landschaft mit einer Länge von 502 m, einer Breite von 204 m und einer Höhe von 80 m. Sie ist damit etwa so hoch wie das Fördergerüst über dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum.

 

Wie aber kam es zu diesen Giganten der Technik und was zeichnet sie bis heute aus? Als man 1924 in der Grube Agnes bei Plessa die erste Abraumförderbrücke der Welt in Betrieb nahm, war dies sicher einem technischen Pioniergeist der Zeit zu verdanken. Besonders die Kosten für den Abraumbetrieb in den Großtagebauen, der üblicherweise mittels Zügen über Gleise realisiert wurde, erforderten neue technische und vor allem wirtschaftlichere Konzepte. Über die Förderbänder der Abraumförderbrücke wurde der Abraum über der Braunkohle abgebaggert. Nun konnte er auf dem kürzesten Weg direkt über den Tagebau hinweg auf die gegenüberliegende Verkippungsseite transportiert werden. Als Beweis für das gelungene Konzept gilt auch, dass die Plessaer Brücke erst mit dem Auslauf des Tagebaus 1958 stillgelegt und verschrottet wurde (LAUBAG 1994, S. 3). Als größte bewegliche Maschinen der Welt fördern diese Giganten der Technik den Abraum über Distanzen von weit mehr als 600 m. Allein die Abraumförderbrücke im Tagebau Jänschwalde bewegte seit 1978 in 40 Jahren mehr als 3,1 Milliarden Kubikmeter Abraum über den Tagebau. Abraumförderbrücken des Typs F60 sind heute in den noch vier aktiv im Abbau befindlichen Tagebauen – Jänschwalde, Welzow-Süd, Reichwalde, Nochten – der Lausitz im Einsatz.

 

Und damit zurück zu unserem Modell der Abraumförderbrücke Skado F32: Nur in der Lausitz wird für das Freilegen der Kohle eine Gewinnungs- und Fördertechnologie angewendet, die zu den effektivsten im Braunkohlenbergbau zählt: Direktversturz mittels Abraumförderbrücken. Das Besondere hierbei ist die Konzentration der Arbeitsgänge Gewinnen, Fördern und Verkippen in einem Geräteverband. Im Verlauf der letzten 100 Jahre, ausgehend von der ersten Abraumförderbrücke Plessa bis zur aktuellen Form der F60, gab es zwangsläufig eine Reihe von Entwicklungen. Die Abraumförderbrücke Skado Typ F32 mit der Nummer 16 gilt als Vorläufer der Einheitsförderbrücken des Typs F34, welcher charakteristisch wurde für den Braunkohlenbergbau der noch jungen DDR in den 1950er-Jahren. Das Original unseres hier im Zentrum stehenden Modells ging als eine von zwei Förderbrücken im Tagebau Skado 1954 in Betrieb. Sie sollte von da an fast 256 Millionen Kubikmeter Abraum über diesen Tagebau bewegen.

 

01. Juni 2022 (Dr. Michael Ganzelewski)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030002779000

 

Besucherbergwerk F60. Unter: https://www.f60.de/ (Eingesehen: 26.05.2022).

 

Drebenstedt, Carsten: Planungsgrundlagen der Wiedernutzbarmachung, in: Pflug, Wolfram (Hrsg.): Braunkohlentagebau und Rekultivierung. Landschaftsökologie – Folgenutzung – Naturschutz, Berlin/Heidelberg/New York 1998, S. 487-512.

 

Hyka, Ralf: Tagebau Skado. Unter: http://www.ostkohle.de/html/skado.html (Eingesehen: 26.05.2022).

 

Lausitzer Braunkohle Aktiengesellschaft/Lausitzer Bergbau Verwaltungsgesellschaft mbH (Hrsg.): 70 Jahre Abraumförderbrücken, Senftenberg/Brieske 1994.

 

Slotta, Rainer (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum-Bochum (1930-2005). Vom Wachsen und Werden eines Museums, Bd. 2, Bochum 2005 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum, Nr. 134).