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Gleislos und wendig: Das Paus Mehrzweckfahrzeug AMF 20 KS

Im Jahr 1995 wurde in der damaligen Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (DBM) ein weiterer Meilenstein der Bergbautechnik aufgestellt: ein nicht-schienengebundenes Befahrungsfahrzeug der Zeche Walsum, das ein Jahr zuvor dem Museum geschenkt worden war. Mit dem Fahrzeug war es möglich, den Besucherinnen und Besuchern nun aktuelle Entwicklungen der automobilen Technik unter Tage zu präsentieren. Aber nicht nur für die Technikinteressierten hatte das Dieselgefährt etwas zu bieten, sondern auch für Kinder, die gerne einstiegen, um das Fahren zu spielen.

 

Spielerisch leicht zu bedienen, war das auf dem Duisburger Steinkohlenbergwerk genutzte Fahrzeug (montan.dok 030005384001) aber keineswegs. Einfach losfahren funktionierte bei dem Automobil nicht. Die Bedienungsanleitung, die heute als Teil der Objektdokumentation im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum aufbewahrt wird, lässt den Aufwand erahnen: Bevor die Inbetriebnahme erfolgte, sollten der Ölstand des Motors, der Wasserstand des Kühlers und die Füllstände des Diesel- und Hydrauliktanks überprüft werden. Der Schalthebel musste in die richtige Position gebracht und kontrolliert werden, ob der Kraftstoffhahn offen und die Handbremse angezogen war. Zudem mussten die Motorüberwachung und die Feuerlöschanlage begutachtet, der Staubbehälter am Luftfilter entleert und hier die Wartungsanzeige gemustert werden. Für das Anlassen des Motors war Druckluft aus dem Grubennetz nötig, da das Fahrzeug einen Druckluftanlasser besitzt. Bei einem Stand von sieben Bar war der Anlasser betriebsbereit. Jetzt musste das Startventil durch einen Hebel betätigt werden, zudem musste ein Knopf so lange gezogen werden, bis der Motoröldruck zwei Bar betrug. Erst bei entsprechend warmem Motor konnte nach dem Lösen der Feststellbremse die Fahrt begonnen werden.

 

Die Herstellerfirma Hermann Paus Maschinenfabrik GmbH hatte das Standardfahrzeug 1986 schlagwettergeschützt aufgerüstet. Es war damit für den Einsatz unter Tage geeignet, bei dem bekanntlich kein Funke entstehen darf, der eine Grubengasexplosion auslösen kann. Zu den Sicherheitsvorkehrungen gehörte auch eine eingebaute Feuerlöschanlage, die nach kleinen Anpassungen von der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen in Essen im August 1986 als unbedenklich erachtet wurde. Warum der große Aufwand?

 

Seit Mitte der 1970er-Jahre wurde zunehmend über den Einsatz von Gleislostechnik unter Tage im Steinkohlenbergbau in Deutschland nachgedacht. Es bestand die Hoffnung auf weitere Rationalisierungsmöglichkeiten, zumal die Technik schon in anderen Bergbausparten Deutschlands wirtschaftlich erfolgreich betrieben wurde. Höchstleistungen bei der Förderung der Kohle sollten mit einer Verringerung des Produktionsaufwandes einhergehen, die automobile Technik versprach hier Fortschritte. Auf dem Bergwerke Schlägel & Eisen fuhr 1976 das erste nicht an Schienen gebundene, dieselgetriebene Fahrzeug. 1988 zählte Dr.-Ing. Hans Jacobi, Mitglied des Vorstandes der Bergbau AG Niederrhein, in einem Vortrag anlässlich des Fachkolloquiums „Automobile Technik im Steinkohlenbergbau II“ immerhin schon 49 Fahrzeuge auf sechs Zechen des Ruhrbergbaus. Besonders im Materialtransport und in der Personenbeförderung wurde die Technik eingesetzt. Zu den sechs Bergwerken zählte die Zeche Walsum, die im Bereich der Personenbeförderung mit dem nicht schienengebundenen Personenbus KAP 26 S der schon genannten Firma Paus 1981 eine Vorreiterrolle einnahm. 1989 fuhren sechs dieser für den Transport von 26 Bergleuten ausgelegten Busse, also die Anzahl der benötigten Personen für eine Abbauschicht, direkt vom Schacht zum Abbauort. Für den Transport von wenigen Personen beispielsweise für Überwachungs-, Aufsichts- und Wartungstätigkeiten und geringen Materialtransport waren diese Gefährte aber ungeeignet, dafür mussten kleinere Befahrungsfahrzeuge eingesetzt werden. Ein solches Befahrungsfahrzeug ist das AMF 20 KS, das neben dem Fahrer bis zu vier Personen transportieren konnte und leicht in der Strecke zu wenden war.

 

Zum Einsatz kam das Automobil 1987 in dem gerade erst durch den Schacht Voerde erschlossenen Nordfeld der Zeche Walsum. Offenkundig tat es bis zu seiner Abgabe an das DBM im Jahr 1994 gute Dienste. So lässt der Antrag im Dezember 1991 vonseiten der Bergbau AG Niederrhein an das Landesoberbergamt Dortmund auf Verlängerung der Ausnahmegenehmigung für die nächsten Jahre vermuten. Für den Betrieb von Dieselfahrzeugen unter Tage waren diese Ausnahmegenehmigungen, die durch das Landesoberbergamt erteilt wurden, von Beginn an notwendig. Das Fahrzeug wurde laut Antrag weiterhin im Nordfeld eingesetzt, wo es bisher ohne nennenswerte Störungen oder Unfälle gearbeitete hatte. Der Antrag ist im Archivbestand montan.dok/BBA 38: Bergwerksgesellschaft Walsum AG, Walsum, überliefert (hier montan.dok/BBA 38/859). In der archivischen Überlieferung der Zeche, die im Bergbau-Archiv Bochum des montan.dok bewahrt wird, finden sich auch weitere Informationen zu der Einführung und dem Betrieb der Gleislostechnik auf der Zeche Walsum.

 

Vor der Aufstellung im Museum waren an dem Befahrungsfahrzeug noch restauratorische Arbeiten vorgenommen und durch den Austausch der Motorabdeckung mit einer Plexiglasscheibe die Möglichkeit geschaffen worden, die technischen Details genau zu betrachten. Ansonsten ist das Gleislosfahrzeug, dass auch unter den Begriff „Jeep“ geführt wurde, im Originalzustand erhalten geblieben. Apropos „Jeep“: Nicht allzu weit entfernt von dem derzeitigen Standort des AMP 20 KS im Depot des montan.dok steht noch ein weiteres dieselgetriebenes Befahrungsfahrzeug, einer der berühmten „Jeeps“ des Bergwerks Prosper-Haniel. Fortsetzung folgt!

 

01. Mai 2021 (Dr. Maria Schäpers)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030005384001, interne Objektdokumentation Ordner „AMF 200 KS“

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 38/859

 

Böse, Christian/Farrenkopf, Michael: Zeche am Strom. Die Geschichte des Bergwerks Walsum, Bochum 2014 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 199; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 28).

 

Einhäuser, Josef/Huber, Hans: Verbesserung der Produktivität im Steinkohlenbergbau durch Gleislostechnik – Voraussetzungen und Erwartungen vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen am Bespiel des Bergwerks Haard, in: Eichmeyer, Helmut (Hrsg.): Automobile Technik im Steinkohlenbergbau II. Vorträge anläßlich des Fachkolloquiums der Arbeitsgemeinschaft Planung und Betriebsüberwachung im Bergbau, 10. und 11. November 1988 in Essen, Essen 1989, S. 29-40.

 

Geisler, Joachim: Schnelle Personenbeförderung auf dem Bergwerk Walsum, in: Glückauf 125, 1989, S. 1177-1181.

 

Jacobi, Hans: Möglichkeiten und Grenzen beim Einsatz automobiler Technik im Steinkohlenbergbau, in: Eichmeyer, Helmut (Hrsg.): Automobile Technik im Steinkohlenbergbau II. Vorträge anläßlich des Fachkolloquiums der Arbeitsgemeinschaft Planung und Betriebsüberwachung im Bergbau, 10. und 11. November 1988 in Essen, Essen 1989, S. 8-28.

 

Schönfeld, Helmut/Nocke, Hermann: Erste Erfahrungen mit der Gleislostechnik auf Schlägel & Eisen, in: Glückauf 115, 1979, S. 410-416.

 

Slotta, Rainer: Die Dauerausstellungen, in: Ders. (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930 bis 2005). Vom Wachsen und Werden eines Museums, Bd. 2, Bochum 2005 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 134), S. 613-748.