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Innovationen der Bergbautechnik: Der Meridianweiser

Mit der Industrialisierung hielten rasante technische Entwicklungen Einzug. Sie brachten in der Folgezeit erhöhte Ansprüche an Technik und Forschung mit sich, die auch im Bergbau von großer Bedeutung waren. Innovationen waren gefragt – nicht nur in Bezug auf Fördermengen, Maschinen oder Grubensicherheit. Auch im Bereich des so genannten Markscheidewesens, also den Vermessungstätigkeiten, lassen sich Meilensteine in der technischen Entwicklung aufzeigen.

 

Einer dieser Meilensteine ist der Meridianweiser, der die Vermessungskunst revolutionierte. Dabei handelt es sich um ein nordsuchendes bzw. meridianweisendes Vermessungsgerät. Der eingebaute Kreiselkompass spricht auf die Erddrehung und Erdschwere an und ermöglicht somit auch an isolierten Punkten eine absolute Orientierung. Das entsprach den besonderen Bedürfnissen der Vermessung unter Tage. In den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums befindet sich u. a. die Ausführung des Meridianweisers MW 4a (montan.dok 030007487001) von ca. 1959, dessen Zugang wahrscheinlich über die Westfälische Berggewerkschaftskasse (WBK) erfolgte.

 

Die bergbauliche Vermessungstechnik war lediglich ein Schwerpunkt im gesamten Bereich des Markscheidewesens der WBK, in dem man sich u. a. mit der Entwicklung von Messgeräten und -verfahren beschäftigte. „Die klassischen Messverfahren der Markscheider waren bis in das 20. Jahrhundert hinein die Lotung und magnetische Feinorientierung. Je nach Stand der technischen Entwicklung gab es verschiedene Möglichkeiten, um über und unter Tage Messungen und Berechnungen, z. B. Winkel-, Entfernungs- oder Orientierungsmessungen, durchzuführen. Zur Entfernungsbestimmung wurden vor allem Messketten und Maßbänder genutzt. Um die Himmelsrichtung einer Messlinie angeben zu können, orientierte man sich an einer festgelegten Ausgangsrichtung, die sich auf den magnetischen oder astronomischen Meridian bzw. einer dazu parallelen Linie bezieht. Über die Richtkraft, die das Erdmagnetfeld ausübt, wird der magnetische Meridian mit Hilfe von Messinstrumenten, bspw. Kompass, Bussole oder Magnettheodolit, ermittelt“ (Vossenkuhl, Innnovationen, S. 413). Dabei dürfen allerdings keine ablenkenden Störungen, etwa auf Grund von Eisen oder elektrischen Strömungen, auftreten. Bedingungen, die gerade eine Nutzung unter Tage oftmals schwierig machte und aufzeigt, aus welchem Grund Innovationen unverzichtbar waren: Die zunehmende Teufe der Zechen, die wachsende Elektrifizierung und die steigende Verwendung von Stahl erschwerten die Messungen erheblich. Eine genaue Richtungsbestimmung wurde immer schwieriger und war teilweise kaum noch möglich.

 

Versuche, die Vermessungsverfahren an die bergbaulichen Bedingungen anzupassen, begannen bei der WBK schon in den 1920er-Jahren. Dafür beauftragte man die Kieler Firma Anschütz & Co., die bereits Erfahrungen innerhalb des Schifffahrtssektors gesammelt hatte, mit der Entwicklung eines Kreiselkompasses für bergbauliche Zwecke. Trotz zahlreicher Versuchsmodelle konnte der Auftrag aber nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Otto Rellensmann (1895–1970), Rektor der Bergakademie Clausthal, unter Mitarbeit des Instituts für Markscheidewesen in Clausthal, die ersten Kreiselgeräte zu bauen, die für den Einsatz im Bergbau geeignet waren. Damit war ein transportabler Vermessungskompass geschaffen, der 1949 erstmalig in westfälischen Gruben eingesetzt wurde. Transportabel bedeutete allerdings nicht, dass das Gerät handlich war. Der Meridianweiser und sein Zubehör – bestehend aus einem Generator und einer Leitungstrommel – mussten über das Schienennetz zum vorgesehenen Ort gebracht werden. Dadurch waren immer mindestens zwei Personen in die Arbeit eingebunden. Das nun unter Tage einsatzfähige Kreiselgerät markierte den Anfang einer Entwicklungsreihe von gebrauchsfähigen Meridianweisern. Sowohl der Meridianweiser MW 1 als auch die Ausführung MW 2 (montan.dok 030150185001), die ein Jahr später mit einem verbesserten Theodolit auf den Markt kam, befinden sich in den Musealen Sammlungen. Der Meridianweiser MW 2 blieb bis 1956 dauerhaft im bergbaulichen Einsatz.

 

Ab 1953 nahm die WBK, die in ihrer Abteilung Markscheidewesen eine Kreiselmessstelle einrichtete, eine führende Rolle bei der Entwicklung von Kreiselmessgeräten ein. In Zusammenarbeit mit der Bergakademie Clausthal und weiteren Firmen konnte der Meridianweiser weiterentwickelt werden, indem die Messgenauigkeit erhöht, der Messvorgang gesichert und das Gerät verkleinert wurde. Nach einer Leichtmetallausführung und der zusätzlichen Ausstattung mit einer schlagwetterfesten Batterie wurde zu Beginn des Jahres 1959 der Meridianweiser MW 4a vorgestellt. Durch die Akkumulatorbatterie war eine völlige Unabhängigkeit von örtlichen Energiequellen erreicht. Das Gerät konnte immer unter den gleichen, konstanten Antriebsbedingungen eingesetzt werden. Trotz des verringerten Betriebszubehörs war man noch auf schienengebundene Transportfahrzeuge unter Tage angewiesen. Dadurch bestand der Messtrupp weiterhin aus zwei Männern, obwohl zur Messung selbst nur einer erforderlich gewesen wäre. Die Lösung der Transportproblematik und die Herausforderung von exakten Messungen an schwer zugänglichen Stellen benötigten jedoch noch knapp weitere 20 Jahre Entwicklungszeit.

 

Der für die Entwicklung zentrale Meridianweiser MW 4a kann in der Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Rundgang „Steinkohle. Motor der Industrialisierung“ besichtigt werden. In den Musealen Sammlungen befinden sich zurzeit über 300 Vermessungsgeräte. Die Aufarbeitung dieses umfangreichen Bestands soll in den kommenden drei Jahren innerhalb des Projektes „Digitale Infrastrukturen im Deutschen Bergbau-Museum Bochum und virtuelle Zugänglichkeit zum Bergbauerbe“, das im April 2022 am Montanhistorischen Dokumentationszentrum startete, erfolgen. Dabei wird auch die mittlerweile im montan.dok etablierte 3D-Digitalisierung zum Einsatz kommen, um ausgewählte Objekte einem breiten Publikum online und digital zur Verfügung zu stellen.

 

01. Mai 2022 (Maren Vossenkuhl, M.A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) 030007487001, 030150186001, 030150185001, 020500210001, 120160155201

 

Bischoff, Walter: Das kleine Bergbaulexikon, Essen 1998.

 

Farrenkopf, Michael/Ganzelewski, Michael (Hrsg): Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung. Bd. 2: Katalog zur Sonderausstellung, Bochum 2014 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 198; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 29).

 

Schuler, Max: Die geschichtliche Entwicklung des Kreiselkompasses in Deutschland, Teil 2: Flugzeug- und Vermessungskreisel, selbsttätige Schiffssteuerung, Hilfsgeräte, in: VDI-Zeitschrift 104, 1962, Nr. 13, S. 593–599.

 

Schunder, Friedrich: Lehre und Forschung im Dienste des Ruhrbergbaus. Westfälische Berggewerkschaftskasse 1864–1964, Herne 1964.

 

Stier, Karl Heinrich: Stand der Entwicklung des Vermessungskreiselkompasses, in: Glückauf 95, 1959, S. 1377–1383.

 

Vossenkuhl, Maren: Innovationen aus Praxis und Forschung am Beispiel der Dahlbuschbombe und des Meridianweisers, in: Farrenkopf, Michael/Siemer, Stefan (Hrsg.): Bergbausammlungen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme, Berlin/Boston 2020 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 233 | Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 36), S. 399-420.

 

Westfälische Berggewerkschaftskasse Bochum: Jahresbericht 1978, Bochum 1979.

 

Online-Portale: montan.dok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=250040; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches+Dokumentationszentrum&ref=291834; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=63617 und museum-digital. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1071563 und https://nat.museum-digital.de/object/1173203 (Eingesehen: 25.04.2022).