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Jetzt tief Luft holen!

Er sieht aus wie Darth Vaders Helm als Steampunk-Variante. Doch nicht aus einer weit entfernten Galaxis vor langer Zeit stammte dieser Kopfschutz, sondern von der C. B. König Fabrik für Feuerwehr-Artikel in Hamburg-Altona um 1900. Rauchhelme wie dieser waren bis dahin das Nonplusultra in der Brandbekämpfung. Auch unter Tage wurden sie von den Männern der Grubenwehr bei speziellen Methoden wie dem Setzen von Branddämmen verwendet. Deren Einsatzberichte schildern, wie gefährlich diese Aufgabe sein konnte.

 

Rauchhelme wie der genannte (montan.dok 030006139001) waren bis zur Erfindung der Atemschutzmasken die einzige Möglichkeit, in verrauchte Räume einzudringen. Ihr Einsatz war nicht nur auf den Bergbau beschränkt. Auch bei städtischen Feuerwehren oder, wie das Prospekt der Firma C. B. König zeigt (montan.dok/BBA FP 673/1), auf Schiffen wurden solche Rettungsgeräte genutzt. Dickes Rindsleder mit schwarzem Decklack beschichtet und Glas in Klappfenstern schützten den Träger vor der Hitze. Im Gegensatz zu Filtergeräten, die den benötigten Sauerstoff aus der Umgebungsluft zogen, oder den tragbaren Geräten, die mit einer eigenen Sauerstoffquelle ausgestattet waren, wurde bei Rauchhelmen die Atemluft über einen Schlauch mittels fuß- oder handbetätigten, doppelwirkenden Blasebalg dem Träger zugeführt. Daher wurde auch von Druckschlauchgeräten gesprochen. Durch das Hineinpumpen von Luft entstand im Helm ein Überdruck, der giftige Gase oder Rauch aus dem Helm heraushielt, weshalb Rauchhelme nicht gasdicht verarbeitet sein mussten. Je nach verwendeter Pumpe konnte die Frischluftversorgung über eine Schlauchlänge von bis zu 200 m erfolgen. Mittels eines Sprechtrichters war zudem Kommunikation in beide Richtungen möglich.

 

Im Ruhrbergbau wurden Rauchhelme seit den 1890er-Jahren bei der Brandbekämpfung eingesetzt. Insbesondere bei schweren Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen kam der größere Teil der Verunglückten nicht durch Verbrennungen oder Verletzungen, sondern durch das Einatmen kohlendioxidhaltiger Nachschwaden und Brandgase zu Tode. Die ersten Schlauchgeräte erlaubten nun das Arbeiten in giftigen oder sauerstoffarmen Wettern, wie die bergmännische Bezeichnung für die Luft in einem Bergwerk lautet.

 

Zwar war der Aktionsradius der Druckschlauchgeräte naturgemäß begrenzt, jedoch wiesen sie einige Vorteile gegenüber anderen Atemgeräten auf. Durch das stete Zuführen von Atemluft war ihre Benutzungsdauer nicht von einem mitgeführten Sauerstoffvorrat begrenzt, was nicht nur die Verrichtung langwieriger, sondern auch physisch sehr anstrengender Arbeiten mit hohem Sauerstoffverbrauch erlaubte. Zudem kühlte die stetige Frischluftzufuhr den Träger. Im Vergleich mit anderen Atemgeräten waren Rauchhelme wesentlich anspruchsloser in der Wartung, komfortabler zu tragen und einfacher in der Anwendung. Dies bot vor allem für ungeübtes Personal große Vorteile.

 

Entsprechend lag das Einsatzspektrum bei langen stationären Arbeiten in nicht atembaren Gasen, wie sie etwa beim Setzen von Branddämmen (montan.dok 024000028001) bei Grubenbränden notwendig waren. Mit Branddämmen wurden die Strecken zum Brandherd luftdicht durch Sandsäcke, Verfüllungen oder Mauerwerk verschlossen, um dem Feuer die Frischluftzufuhr zu blockieren und es mit seinen eigenen Brandgasen zu ersticken. Obwohl diese Arbeit nicht in der unmittelbaren Nähe zum Brandherd erledigt werden musste, war sie alles andere als ungefährlich, wie ein Auszug aus dem Einsatzbericht des Branddirektors Korsch der Feuerwache Rheinelbe über einen Einsatz auf der Zeche Consolidation I/VI vom 1. April 1938 (montan.dok/BBA 41/1871) zeigt:

 

„Um 20:45 Uhr fuhr der Oberbrandmeister Seeger mit dem Oberfeuerwehrmann Becker und den Wehrmännern Hibbeln, Neuser, Bergmann und Müller zur 7. Sohle an, um vor der Wettertür des Schachtes II, der ein einziges Flammenmeer war, und eine sehr starke Hitze ausströmte, in größtmöglichster Eile einen Sandsackdamm aufzuziehen. Eine während dieser Arbeit auf Grund plötzlich auftretenden Qualmes von Seeger vorgenommene CO-Prüfung ergab einen so starken CO-Gehalt, daß S. die ohne Gerät arbeitenden Männer der Schachtanlage Consolidation schnellstens zurückschicken mußte und alle anderen Männer ihre Geräte anlegen ließ. Innerhalb dieses kurzen Zeitraumes von höchstens 5 Minuten war die Hitze in der Wetterschleuse jedoch so stark angestiegen, daß sie nicht mehr betreten werden konnte. Eine darin hängende Grubenlampe sowie zwei Arbeitsröcke mußten aufgegeben werden. Mit größter Beschleunigung wurde daher vor der unmittelbar am Schacht VII stehenden eisernen Wettertür ein weiterer Sandsackdamm aufgezogen. Urplötzlich stießen dreimal hintereinander starke Rauch- und Hitze-Wellen nach unten, die den arbeitenden Trupp S. sehr stark belästigten aber doch noch eine Fortführung seiner Arbeiten gestatteten. Als eine zweite Sandsacklage zur Verstärkung dieses Dammes bis zu etwa ¾ Höhe fertig stand, kamen wiederum ganz plötzlich in großen Mengen sehr heiße Wasserdämpfe und große Rauchmengen aus dem Schacht VII herunter. Kurz darauf kamen von vorn laute Rufe zum Trupp Seeger ‚Schnell zurück‘ ! Jede Sicht war unmöglich und die Hitze fast unerträglich geworden, sodaß sich der Trupp bei den Händen fassen mußte, um sich langsam herauszutasten. Erst in der letzten Hälfte des Rückweges wurde die Luft wieder klar und rein.“

 

In diesem Einsatz wurde jedoch keine Schlauch-, sondern Regenerationsgeräte verwendet. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts richtete sich die Geräteentwicklung annähernd allein auf diese frei tragbaren Geräte, da diese die Anforderung an möglichst große und lange Bewegungsfreiheit unter Tage gewährleisten konnten. Eine wichtige Voraussetzung für den Bau dieser Geräte war ab etwa Mitte der 1880er-Jahre die Möglichkeit, Stahlzylindern zu fertigen sowie die Verdichtung von Sauerstoff. Im Gegensatz zu den heute bei der Feuerwehr oder im Tauchsport eingesetzten Pressluftatmern, welche die benötigte Atemluft in Druckluftflaschen speichern, „erneuerten“ diese Geräte die ausgeatmete Luft mittels einer Chemikalie, die ihr das ausgeatmete Kohlendioxid möglichst weitgehend entzog. Die gereinigte Luft wurde dann wieder dem Atmungsschlauch zugeführt und aus einer kleineren Druckluftflasche weiterer Sauerstoff beigemischt.

 

Im Vergleich zu Pressluftatmern haben Regenerationsgeräte eine viel höhere Einsatzdauer: bis zu vier Stunden statt 15 bis 30 Minuten. Aufgrund ihres komplexeren Aufbaus sind sie jedoch sehr wartungsintensiv. Ferner weisen sie konstruktionsbedingt einen höheren Atemwiderstand auf, und durch die chemische Reaktion des CO2-Filters erwärmt sich die Atemluft, was den Träger jeweils zusätzlich belastet. Zwar setzten Geräte dieser Bauart, wie das abgebildete Atemgerät Bauart Giersberg 1902 (montan.dok 030020030001), neue Maßstäbe im Rettungswesen. Druckschlauchgeräte blieben jedoch im geringen Umfang bis in die 1930er-Jahre Teil der Atemgeräteausrüstung der Grubenwehren und Hauptrettungsstellen.

 

Die Bergschule Bochum und ihr Träger, die Westfälische Berggewerkschaftskasse, unterhielten eine umfangreiche Sammlung von Atemgeräten, die ab den 1930er-Jahren an das damalige Bergbau-Museum Bochum gelangt ist und durch Geräte aus anderen Technischen Hochschulen und Stadtfeuerwehren ergänzt wurde. So reicht die heute vom Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) betreute, sicher einzigartige Sammlung mit über 120 Atemgeräten bis in die Anfangszeit dieser Technik um 1880 zurück. Ergänzt durch schriftliche Überlieferungen aus dem Bergbau-Archiv Bochum, wie aus der Firmenprospektsammlung (montan.dok/BBA FP), den Überlieferungen der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen, Essen (montan.dok/BBA 17), des Bergassessors und Branddirektors Gerhard Lehmann (montan.dok/BBA 170) oder den Betriebsakten der einzelnen Zechen-Grubenwehren steht eine vielfältige Materialfülle zur Entwicklung, Aufbau und Einsatz dieser außergewöhnlichen Gerätschaften der Forschung zur Verfügung.

 

1. Oktober 2020 (Claus Werner)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030006139001, 030020030001, 024000028001

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 41/1871, 54/62, 170/141, FP 673/1

 

Farrenkopf, Michael: „Zugepackt – heißt hier das Bergmannswort“. Die Geschichte der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen im Ruhrbergbau, unter Mitarbeit von Susanne Rothmund, Bochum 2010 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 178; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 22).

 

Farrenkopf, Michael/Ganzelewski, Michael: Das Wissensrevier. 150 Jahre Bergbauforschung und Ausbildung bei der Westfälischen Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung, Bd. 2: Katalog zur Sonderausstellung, Bochum 2014 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 198; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 29).

 

Heise, Fritz/Herbst, Friedrich: Lehrbuch der Bergbaukunde mit besonderer Berücksichtigung des Steinkohlenbergbaues, Bd. 2, Berlin 1910.

 

Hauptstelle für da Grubenrettungswesen (Hrsg.): Handbuch für die Ausbildung der Grubenwehren, Essen 1939.

 

Ryba, Gustav: Handbuch des Grubenrettungswesens. Teil 2: Gas- und Wassertauchgeräte; ihre Bauart und Wirkungsweise, Leipzig 1930.