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Kahnfahrten unter Tage

Vor dem Umbau und der Neugestaltung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zeigte die Dauerausstellung ein zunächst erstaunlich und überraschend anmutendes Sammlungsobjekt: In der damaligen Halle 16, der „Maschinenhalle“ im Tiefparterre, hing inmitten bergbaulicher Maschinen und Großtechnik aus Stahl, Eisen und anderen moderneren Materialien aus dem 19. und 20. Jahrhundert ein hölzerner Kahn von der Decke herab. Bei manch einem Besuch mag die Frage aufgekommen sein, was denn solch ein Holzkahn im Bergbau und damit auch in einem Bergbaumuseum zu suchen hat.

 

Der hölzerne Kahn ist 1997 in die Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) aufgenommen worden. Über die näheren Umstände ist wenig bekannt. Das Eingangsbuch verzeichnet unter dem Datum 16. Juli 1997 mit wenigen dürren Worten, dass die „Mansfeld AG“ einen „Mansfelder Erzkahn“ abgegeben hat. Weitere Informationen zu dieser Übernahme waren in den Akten nicht zu ermitteln, wurden aber damals vielleicht mündlich gegeben. Jedenfalls wurde der Neuzugang als „Erzkahn Gonnaer Stollen, um 1900“, unter der Inventarnummer 030003898000 katalogisiert und wie folgt beschrieben: „Kahn zum Erztransport auf dem Gonnaer Erbstollen; Streckenförderung zum Hauptförderschacht unter Ausnutzung der auf der Stollensohle gestauten Wasser nach dem Vorbild des Erzbergbaus im Harz (Ernst August Stollen).“ Das Objekt misst in der Länge fünf Meter, ist aber nur 90 cm breit und 45 cm hoch. Soweit die Faktenlage.

 

Die Stifterin, die Mansfeld AG, konnte 1997 auf eine lange und durchaus wechselvolle Geschichte zurückblicken. Bereits 1852 hatten sich in Thüringen fünf bergbauliche Gewerkschaften in der Mansfeld‘schen Kupferschieferbauenden Gewerkschaft zusammengeschlossen. Die Gewerkschaft wuchs zum beherrschenden Bergbauunternehmen in Mitteldeutschland und zu einem der größten deutschen Unternehmen heran.

 

Kupferschiefer wurde in der Mansfelder Mulde und um Sangershausen schon seit dem Mittelalter gewonnen. Cyriacus Spangenberg datiert die Anfänge in seiner Mansfeldischen Chronica von 1572 auf das Jahr 1199 bzw. 1200. Die Gewinnung des Erzes erfolgte zunächst über dem Grundwasserspiegel in ca. 30 m Teufe in tagebauähnlichen Schürfen und Schächten. Die Erschöpfung der oberflächennah anstehenden Erzvorräte machte dann den Aufschluss tieferer Lagerstättenteile und damit eine systematische Wasserhaltung notwendig. Sie erfolgte mittels entsprechender Maschinen und seit Anfang des 16. Jahrhunderts zunehmend über eigens, möglichst tief aufgefahrene Stollen. Die Grubenwässer aus den höher gelegenen Grubenbauten flossen automatisch in diese Stollen, aus den tiefer gelegenen Grubenbauten wurden sie noch oben gepumpt und abgeleitet. Vor allem im 19. Jahrhundert entstand in den beiden Kupferschieferrevieren ein umfassendes, weitläufiges Stollensystem, das bis zum Ende des Bergbaus – 1969 in der Mansfelder Mulde und 1990 im Sangerhäuser Revier – das Rückgrat der Wasserhaltung war. Und noch heute dienen die Stollen als notwendige Bestandteile des Wasserhaushaltes der Region der Ableitung von Grubenwässern.

 

In der Mansfelder Mulde kam seit 1879 dem Schlüsselstollen als topologisch tiefst möglichen Stollen zentrale Bedeutung zu. Er war unter Nutzung älterer Stollen im Wesentlichen seit Dezember 1809 aufgefahren worden und verläuft von der Saale bei Friedberg, wo sein Mundloch nur vier Meter über dem Hochwasserpegel der Saale liegt, bogenförmig zunächst nach Westen, dann nach Süden und endet bei Eisleben. In den Hochzeiten des Bergbaus flossen durch ihn jede Minute 80 bis 90 m³ Wasser. Mit einer Länge von 32,3 Kilometern gehört er zu den längsten Bergbaustollen in Europa. Im Sangerhäuser Revier wurde seit 1830 vom Flüsschen Gonna her der Segen-Gottes-Stollen als zentraler Wasserlösestollen vorgetrieben. 1855 erreichte er das Kupferschieferflöz und schließlich eine Länge von etwa 13 Kilometern. Er löste den älteren, höhergelegenen Gonnaer Stollen, der bereits seit 1542 mit einer Länge von insgesamt 13,6 Kilometern aufgefahren worden ist, als zentralen Wasserlösungsstollen ab.

 

Derartige Großbauprojekte erforderten viel Geld, das die einzelnen Gewerke und kleineren Bergbaugesellschaften kaum allein aufbringen konnten. Für die Finanzierung des Schlüsselstollens ist deshalb ein eigener „Stollen-Verein“ gegründet worden, der als ein erster Schritt hin zu einer engeren Kooperation und schließlich der Gründung der Mansfeld‘schen Kupferschieferbauenden Gewerkschaft angesehen werden kann. Insofern symbolisiert der Holzkahn in den Musealen Sammlungen indirekt die Gründe und Motive für diesen Konzentrationsprozess im Mansfelder Bergbau.

 

Wo genau und zu welchen Zwecken er tatsächlich eingesetzt worden ist, muss hier allerdings bis auf weiteres offenbleiben. Ist er tatsächlich, wie die damalige Katalogisierung nahelegt, zur Produktenförderung im Gonnaer Stollen genutzt worden? Tatsächlich gleicht er in Form und Beschaffenheit durchaus den andernorts eingesetzten Förderkähnen. Solch eine „Navigations-Förderung“ (Leo, Lehrbuch, S. 447) in Erbstollen war im deutschen Bergbau gelegentlich anzutreffen, so z. B. in Oberschlesien und in Sachsen bei Dresden oder aber im Ernst-August-Stollen des Oberharzer Erzbergbaus. Kurzzeitig fand sie sich auch im Schlüsselstollen des Mansfelder Reviers, erwies sich hier aber schnell als unwirtschaftlich und wurde nach nur einem halben Jahr wieder aufgegeben. Auch die vorläufige Datierung „um 1900“ spricht gegen eine Verwendung zur Produktenförderung, war der Gonnaer Stollen zu dieser Zeit doch schon mehrere Jahrzehnte vom Segen-Gottes-Stollen als zentralem Entwässerungsstollen im Sangerhäuser Revier abgelöst worden. Sofern der Kahn tatsächlich im Gonnaer Stollen eingesetzt worden ist, dürfte er hier vermutlich vorrangig zur Befahrung und Kontrolle des Stollens eingesetzt worden sein.

 

Somit ist der „Erzkahn Gonnaer Stollen“ einerseits zwar ein ungewöhnliches Objekt in den Musealen Sammlungen des montan.dok. Andererseits ist er ein typisches Beispiel für den Prozess der wissenschaftlichen Dokumentation und Beforschung der Sammlungsobjekte in dem Projekt „montan.dok 21“. Die Beantwortung einer Frage wirft oftmals zugleich neue Fragen auf und bringt so unser Wissen um das materielle Erbe des Bergbaus Schritt für Schritt voran.

 

01. März 2021 (Dr. Stefan Przigoda)


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030003898000, 023600398002

 

Aberle, Bernd: Der Bergbau und das Wasser im Südharz: Fluch und Segen, in: Grubenarchäologische Gesellschaft e.V. (Hrsg.): 19. Internationaler Bergbau- und Montanhistorik-Workshop Mansfeld-Südharz 2016, Clausthal-Zellerfeld 2016, S. 148-152.

 

Bergbaumuseum Röhrig-Schacht: Zur Geschichte des Sangerhäuser Kupferbergbaus, Watterode 1996.

 

Jankowski, Günter/Boltz, Gerhard (Bearb.): Zur Geschichte des Mansfelder Kupferschieferbergbaus, Clausthal-Zellerfeld 1995.

 

Knitzschke, Gerhard: Aufstieg und Ende des Mansfelder Montanwesens im 19. und 20. Jahrhundert, in: Grubenarchäologische Gesellschaft e.V. (Hrsg.): 19. Internationaler Bergbau- und Montanhistorik-Workshop Mansfeld-Südharz 2016, Clausthal-Zellerfeld 2016, S. 39-46.

 

König, Stefan: Ein bemerkenswertes Jubiläum – 200 Jahre Schlüssel-Stollen, o. O., 2009, in: http://www.kupferspuren.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=60:3-2009-200-jahre-schluessel-stollen&catid=17&Itemid=128 (Stand 15.02.2021).

 

Leo, Wilhelm: Lehrbuch der Bergbaukunde für Bergschulen und zum Selbstunterricht, insbesondere für angehende Bergbeamte, Bergbau-Unternehmer, Grubenbesitzer, Quedlinburg 1861.

 

Roloff, Peter (Hrsg.): Mansfeld. Die Geschichte des Berg- und Hüttenwesens, 4 Bde., Bochum 1999-2011.

 

Ziegler, Thilo: Die Geschichte des Sangerhäuser Berg- und Hüttenwerkes von den Anfängen bis zur Neuzeit, Heft 18: Der Tiefe Gonnaer Erbstollen, [Sangerhausen] 2011.