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Kohlenkauf als Bürgerpflicht?

Die Bilderserie im Werbeheft macht auf den ersten Blick einen unschuldigen Eindruck. Strahlende Kinder spielen rund um den heimischen Kohlenofen, in der Badewanne oder am Kamin. Die behagliche Wärme ist auf die Heizkraft der „deutschen Saarkohle“ zurückzuführen. Warum wird aber dazu aufgerufen, die Saar nicht zu vergessen und zu ihr zu stehen? Der Auftraggeber der Werbung bezog sich offenbar auf die Abstimmung zur Rückgliederung des Saargebiets an Deutschland vom 13. Januar 1935, um ökonomisch von der nationalistischen Stimmung im Land zu profitieren.  

 

Die Vorgeschichte der Saarabstimmung begann mit der Annahme des Saarstatuts am 10. April 1919 und seinem Eingang in den Versailler Vertrag. Auf dieser Grundlage musste ein Industrierevier mit einer Fläche von 1880 Quadratkilometern als Ersatz für die Zerstörung von Kohlengruben in Nordfrankreich und als Anzahlung zur Wiedergutmachung von Kriegsschäden von Deutschland an Frankreich abgetreten werden. Die Übertragung des Eigentums erstreckte sich von allen Kohlengruben über Nebenanlagen, Arbeiterwohnungen, Schulen und Krankenhäuser. Die Bewohner des Landstrichs behielten ihre deutsche Staatsbürgerschaft, aber Deutschland verzichtete zugunsten des Völkerbundes auf die Regierung. Der vom Völkerbund ernannte Regierungsausschuss bestand aus einem Mitglied aus Frankreich, einem aus dem Saargebiet und drei Personen, die aus neutralen Ländern, also weder Deutschland noch Frankreich, stammten. Darüber hinaus ging unter Artikel 49 die Vereinbarung in den Vertrag ein, dass die Bevölkerung nach einer Frist von 15 Jahren darüber abstimmen sollte, welchem Staat sie zugehören möchte.

 

Bei der Abstimmung im Jahr 1935 entschieden sich 90,73 Prozent der Wahlberechtigen für Deutschland und 8,86 Prozent für den Status Quo. Lediglich 0,4 Prozent votierten für den Anschluss an Frankreich. Diesem klaren Ergebnis hatte man von deutscher Seite durch eine breit angelegte Saarpropaganda zugearbeitet. Auch das als Deutsche Front zusammengeschlossene rechte Parteienspektrum des Saargebiets beeinflusste unter Parolen wie „Deutsch die Saar, immerdar“ und „Heim ins Reich“ mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland die Meinungsbildung der Abstimmungsberechtigten. Die politischen Sympathien der Bergleute als der für das Gebiet prägenden Berufsgruppe hatten sich von ihren Ursprüngen im katholischen Protest gegen die preußisch-protestantische Obrigkeit und den Massenstreiks des 19. Jahrhunderts im Abstimmungsjahr weit entfernt. Während die Erinnerung an die Klassenkonflikte unter der Herrschaft Preußens verblasste, entstand mit der Besatzungsmacht Frankreich ein neues Feindbild. Dieses wurde durch die Erinnerung an die deutschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs gefestigt. Schließlich weckten die ökonomischen Versprechungen der Nationalsozialisten vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise neue Hoffnungen auf Arbeit und Lohn im Fall einer Rückgliederung an das Deutsche Reich.

 

Vor diesem Hintergrund versuchte die am 26. Januar 1924 als Kohlenkontor Weyhenmeyer & Co. KG gegründete Handelsgesellschaft mit dem von Edith Ehlig illustrierten Werbeheft den Verkauf der Saarkohle im Deutschen Reich zu fördern. Die auf der Titelseite abgedruckten Verse „Vergiß nicht, was war! / Vergiß nicht die Saar / Einst stand sie zu Dir, / Nun steh Du zu ihr!“ fordern zum Kauf der Kohlen auf, weil das Industrierevier, das nach der Abstimmung unter der Souveränität Deutschlands stand, nun auf die Unterstützung aller Deutschen angewiesen sei. Letzteres entsprach tatsächlich der Absatzsituation: Der Großteil der Kohlen, die vorher nach Frankreich gegangen waren, musste nun vom deutschen Markt aufgenommen werden. Das bereitete Schwierigkeiten, denn zwischenzeitlich waren Steinkohlen von der Ruhr und Braunkohle auf ihr angestammtes Verkaufsgebiet im süddeutschen Raum vorgedrungen. Der Beitritt der saarländischen Kohleindustrie zum Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikat (RWKS) sollte mit dem „Saaropfer“ einen festgeschriebenen Absatz ermöglichen, wurde aber von der Braunkohleindustrie unterlaufen. Als 1938 der Reichswirtschaftsminister schließlich verbindliche Quoten festlegte, waren die wirtschaftlichen Probleme der Saarkohle durch den Rüstungsboom vorläufig behoben worden.

 

Neben dem Werbeheft „Deutsche Saarkohle“ findet sich in der Sammlung Firmenprospekte des Montanhistorischen Dokumentationszentrums eine weitere Publikation des Kohlenkontors Weyhenmeyer. Hier wird der Aufruf zum Kauf der Saarkohle explizit mit der Saarabstimmung in Zusammenhang gebracht: „Das Saargebiet gab seine Stimme ab, obwohl es wußte, daß seiner Wirtschaft, insbesondere seinem Bergbau, dadurch große Absatzgebiete verlorengehen würden. Es ist daher nicht mehr als unsere Pflicht, durch Verwendung von Saarkohlen dem Saarbergmann hierfür einen Ausgleich zu schaffen“ (Saarkohle. Die bewährte sparsame Bäckereikohle, montan.dok/BBA FP 1253/1). Die Bäckereikohle stellte ein besonderes Sorgenkind des Kohlenkontors dar, weil hier ein ganzes Gewerbe auf Konkurrenzprodukte umgeschwenkt war. Die Grundbotschaft ist ähnlich wie in der Bilderserie und wird zudem durch die These überhöht, dass die Bevölkerung des Saargebietes wirtschaftliche Schwierigkeiten wissentlich in Kauf genommen hätte, weil der Wunsch nach einer Rückgliederung so stark ausgeprägt gewesen sei.

 

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft hielt die Staatsideologie vermehrt Einzug in die Werbung. Dieser Prozess wurde nicht nur vom Werberat der deutschen Wirtschaft unterstützt. Die Werbetreibenden passten auch schon ohne offizielle Anordnungen frühzeitig die Motive und Botschaften der neuen Zeit an. Schon im April 1933 bemühte sich der Staat aber um eine stärkere Trennung von wirtschaftlicher Reklame und politischer Propaganda: Die Verwendung von Hoheitszeichen und Symbolen der Nationalsozialisten in der Geschäftsreklame wurde verboten. Die beiden Prospekte für Saarkohle zeigen allerdings auch ohne Hakenkreuz eine Übereinstimmung mit den nationalistischen Zielen der Staatsmacht. Zudem stellen die Werbetreibenden die Entscheidung für Kohlen aus dem Saargebiet als Verpflichtung für jeden Bürger dar und appellieren so an das Verbundenheitsgefühl der Deutschen im „Dritten Reich“.

 

Die Werbeprospekte stammen aus dem Bestand „Sammlung Firmenprospekte“ im Bergbau-Archiv Bochum, der Produktblätter, Kataloge, Handbücher und Gebrauchsanweisungen von ca. 2000 Unternehmen der Bergbauindustrie enthält. Seine Erschließung im Rahmen des Projekts „montan.dok 21“ ermöglicht sowohl eine gezielte Auswertung der Publikationen in ihrer Funktion als Werbemittel als auch im Hinblick auf technische Eigenschaften und bildliche Repräsentation der Produkte. Zudem wird durch die Verzeichnung eine Grundlage für die Objektdokumentation und -forschung geschaffen.

 

01. April 2018 (BRO)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) FP 1253/1

 

Heinrichsbauer, August: Kohlenkontor Weyhenmeyer & Co. und Süddeutsche Kohlenwirtschaft, Essen o. J. (um 1938).

 

Pohmer, Karlheinz (Hrsg.): Der Saarländische Steinkohlenbergbau, Saarbrücken 2012.

 

Mallmann, Klaus-Michael/Steffens, Horst: Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar, München 1989 (= Bergbau und Bergarbeit).

 

Reinhardt, Dirk: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland, Berlin 1993.