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Rekonstruktion des Karbonzeitalters zwischen Kunst und Wissenschaft: Die Waldsumpfmoorlandschaft von Willy Kukuk

Bergbaumuseen bilden vielfach nicht nur den Bereich des Abbaus der Rohstoffe mit seinen technischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten ab, sondern geben auch einen Einblick in seine natürlichen Grundlagen. Mineralien- und Fossiliensammlungen, Lagerstättenmodelle des Steinkohlengebirges sowie bildliche Rekonstruktionen der Natur aus der Entstehungszeit der Kohle geben einen Eindruck von den natürlichen Voraussetzungen des Wirtschaftszweigs.

 

Die Bergberufsschulen wiesen laut einem Artikel über „Tierspuren in der Steinkohle“ aus dem Jahr 1957 in ihren Schaukästen und Lehrmittelsammlungen „eine Fülle von Versteinerungen auf, die aus einer Zeit stammen, in der unsere Steinkohlenflöze entstanden sind“. Auch heute sind noch in vielen kleinen und großen Bergbausammlungen beachtliche Bestände von Mineralien und Fossilien vorhanden. Das Objekt des Monats stammt aus so einer Sammlung und unterscheidet sich doch von den natürlichen Überresten. Es handelt sich um eine künstlerische Darstellung – eine mit Pinsel und Ölfarbe von einem Maler erschaffene Szene im Unterschied zu natürlichen Überresten wie etwa dem versteinerten Abdruck eines vor vielen Millionen Jahren verendeten Kopffüßers.

 

Man hat es also mit einer menschlichen Rekonstruktion der „Steinkohlenzeit“ zu tun, die einen Eindruck von der Landschaft im Karbonzeitalter vor etwa 300 Millionen Jahren vermitteln soll. Die Fossilien besitzen den Reiz des Natürlichen, aber ihr fragmentarischer Charakter stellt hohe Ansprüche bezüglich des Vorwissens und des Vorstellungsvermögens der Museumsbesucher. Demgemäß beschreibt der Museumsführer des Geologischen Museums des Ruhrbergbaues, in dem das Bild vor seiner Übernahme in das Deutsche Bergbau-Museum Bochum bis 1974 hing, die didaktischen Vorzüge des Gemäldes: „Zum leichteren Verständnis des Bildungsvorganges der Steinkohlenflöze […] sowie zur Gewinnung einer greifbaren Vorstellung von den Einzelvertretern der Pflanzenwelt dieser Moore, aus denen sich im Laufe der Zeiten die Kohle bildete, soll das große, in leuchtenden Farben gemalte ‚Landschaftsbild zur Steinkohlenzeit‘ dienen“ (Aus dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaus, S. 5).

 

Die subtropische Waldsumpfmoorlandschaft stellt den Mittelteil eines Triptychons dar, das Prof. Dr. Paul Kukuk, Leiter des Geologischen Museums der Westfälischen Berggewerkschaftskasse von 1906 bis 1947, bei seinem Bruder, dem Kunstmaler Willy Kukuk, 1921 in Auftrag gegeben hatte. Die Moorlandschaft zeichnet sich durch einen üppigen Pflanzenwuchs aus, der um eine Wasserstelle herum hauptsächlich aus Verlandungspflanzen wie Schachtelhalmen besteht. Farne und Bärlappgewächse vervollständigen zusammen mit Schuppenbäumen, Baumfarnen, niederen Farnen und Cordaitenbäumen die Vegetation im Vorland des variszischen Gebirges (heutiges Rheinisches Schiefergebirge). Die anderen beiden Bildflügel zeigen ein Korallenriff zur Devonzeit und eine Küstenlandschaft zur Kreidezeit.

 

Das Gemälde wurde mit Hilfe der „wissenschaftlichen Angaben“ von Paul Kukuk angefertigt. Über den genauen Ablauf dieses Prozesses sind keine Quellen überliefert. Grundsätzlich werden zur Rekonstruktion vorzeitlicher Flora und Fauna die mit Hilfe von Fossilien erlangten Kenntnisse herangezogen. Aufgrund des wachsenden Bestandes an versteinerten Überresten kann es dabei durchaus vorkommen, dass sich frühere Rekonstruktionen im Licht neuer Erkenntnisse als falsch herausstellen. Auch der Vergleich mit der heutigen Natur macht im Fall der gegenwärtig lebenden Nachfahren vorzeitlicher Arten Analogieschlüsse möglich.

 

Mit der beschriebenen Methode wird die Gestaltung des Gemäldes an den empirisch nachgewiesenen Erkenntnissen aus der Natur (Fossilien oder lebende Nachfahren) ausgerichtet. Als Gemälde beruht aber die gezeigte Szene ebenso auf einer Auseinandersetzung mit der künstlerischen Tradition, die eine Aufnahme und Weiterentwicklung von Motiven der bildlichen Repräsentation der Vorzeit beinhaltet. Für die Waldsumpfmoorlandschaft hat man sich dabei, so Paul Kukuk, „im Gegensatz zu der sonst üblichen Darstellung eines in der Weiterbildung begriffenen Waldsumpfmoores“ auf einen früheren, „möglichst fruchtbaren Augenblick“ der Moorbildung bezogen: Den „Beginn der Moor bzw. Flözbildung“ (Das Werk, S. 11).

 

Die Waldsumpfmoorlandschaft wird nicht nur durch ihre Positionierung als Mitteltafel des Triptychons hervorgehoben. Auch der Abdruck an zentraler Stelle in Publikationen wie dem Museumsführer „Aus dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaues“ oder Paul Kukuks Standardwerk „Geologie des niederrheinisch-westfälischen Steinkohlengebietes“ unterstreicht ihre Bedeutung für die Vermittlung des Themas in Museum und Wissenschaft. Die Priorisierung des Karbonzeitalters in einem Geologischen Museum für den Ruhrbergbau liegt auf der Hand, denn die entsprechende Vegetation bildete die Grundlage für die Entstehung der Steinkohle im Prozess der sich über Jahrmillionen hinziehenden Inkohlung.

 

Für die Präsentation des Gemäldes in der neuen Dauerausstellung, deren erste beiden Rundgänge am 28. November 2018 feierlich eingeweiht wurden, mussten umfangreiche Restaurierungsarbeiten vorgenommen werden. Dazu zählte die Entfernung einer wachshaltigen Zellstoffbeschichtung (Facing), die Erneuerung des transparenten Schutzanstrichs (Firnis) und die Ausbesserung von Rissen. Die optimale Spannung erhält die 3,3 m x 6,3 m große Leinwand durch ein eigens entwickeltes Klettsystem aus konservatorisch unbedenklichen Materialien. Dr. Elena Gómez Sánchez vom Forschungsbereich Materialkunde des Deutschen Bergbau-Museums Bochum erstellte eine Analyse der im Gemälde verwendeten Bindemittel. Die Durchführung der Restaurierungsarbeiten wurde dem Dienstleister Ars Servandi aus Düsseldorf anvertraut und von hauseigenen Restauratoren begleitet.

 

Das Landschaftsbild stammt aus der Gemäldesammlung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum. Diese wird im Rahmen des Teilprojekts „Sammlungsoptimierung und Erschließung“  des Forschungs- und Infrastrukturprojekts montan.dok 21“  verzeichnet. Sie umfasst etwa 550 Gemälde mit dem Sammlungsschwerpunkt Bergbau- und Industriedarstellungen ab dem 17. Jahrhundert.

 

07. Februar 2019 (BRO)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) am Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030000521000

 

Geologische Abteilung der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (Hrsg.): Aus dem Geologischen Museum des Ruhrbergbaues, Herne 1951.

 

Kukuk, Paul: Das Geologische Museum zu Bochum, in: Das Werk. Monatsblätter der Rheinelbe-Union 8, 1921, S. 9-15.

 

Kukuk, Paul: Geologie des niederrheinisch-westfälischen Steinkohlengebietes, Berlin 1938.

 

Kukuk, Paul: Geologie des niederrheinisch-westfälischen Steinkohlengebietes in kurzgefasster und verständlicher Form, Herne 1962. Rudwick, Martin J.S.: Scenes from Deep Time. Early Pictorial Representations of the Prehistoric World, Chicago 1992.