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Schuhsohlen und Waschpulver: Forschung für mehr Sicherheit

Selbstschnürende oder blinkende Schuhe, Sneakers mit Rollen oder integriertem Schrittzähler – die Welt der Fußbekleidung ist seit Jahren vielfältig und, je nach Wunsch der potentiellen Käufer:innen, bunt und innovativ. Auch in der Welt des Bergbaus spielen Schuhe eine wichtige Rolle und gehören als Sicherheitsausstattung zur Standardausrüstung eines jeden Bergmanns. Allerdings steht dort weniger das Design als vielmehr der Sicherheitsaspekt im Vordergrund, was man den allseits bekannten schweren und mit Stahlkappen versehenen Arbeitsstiefeln auf den ersten Blick gut ansehen kann.

 

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Musealen Sammlungen im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum über diverse bergmännische Arbeits-/Sicherheitsschuhe verfügen. Jedoch steckt in einem sehr jungen Neuzugang, der sowohl ein Paar Schuhe als auch ein Fotoalbum enthielt, die Technik im Detail – genauer in der Sohle: Die ledernen, schwarzen Sicherheitsschuhe der Firma Continental Gummi-Werke AG verfügen über eine genagelte Profilsohle, in der ein elektronischer Sensor verborgen ist. Doch wofür ist diese Einrichtung gedacht? Und war sie überhaupt in Gebrauch, obwohl der Schuh selbst einen ungetragenen Eindruck macht?

 

Um das Einsatzgebiet solcher Schuhe zu verstehen, muss man thematisch ein bisschen weiter ausholen: Im deutschen Steinkohlenbergbau mussten Bergleute unter Tage einen langen Weg auf sich nehmen, um zu ihrem Arbeitsort zu gelangen. Dies bedeutete nicht nur eine zusätzliche physische Belastung für die Arbeitenden, sondern auch höhere Kosten für die Bergwerksgesellschaften, da der benötigte Zeitaufwand für die Wegstrecken einkalkuliert werden musste. Um die langen Strecken effizienter bewältigen zu können, gab es verschiedene Möglichkeiten: Das Grubenfahrrad, die Dieselkatze, Personenzüge oder auch die Fahrung mittels Gurtförderer, die man „Bandfahrung“ nannte. Dazu setzte oder legte sich der Bergmann auf den Fördergurt, der ursprünglich lediglich für den Transport von Kohle und Gestein genutzt wurde, und ließ sich so bis zum gewünschten Zielort befördern. Die Zahl der zur Personenbeförderung eingesetzten Gurtförderer stieg laut den Jahresberichten über die Tätigkeit der Bergbehörden des Landes Nordrhein-Westfalen langsam aber stetig an: Wurden 1971 eher beiläufig 50 bewilligte Einsatz-Ausnahmen genannt, finden drei Jahre später Rahmenerlaubnisse des Landesoberbergamtes Erwähnung, die für mehrere Anlagen zugleich galten. Gegen Ende der 1970er-Jahre lag der Einsatz bei etwa 20% der vorhandenen Gurtförderer. Aus diesen Ergebnissen resultierend wurde ein Arbeitskreis „Bandfahrung“ gegründet, in dem Bergbehörden und die Bergbau-Berufsgenossenschaft zusammenarbeiteten, um die Zulassungsverfahren und Hilfseinrichtungen zu optimieren. 1986 überwog in den Abbaustrecken diese Art der Personenbeförderung. Von Gurtbandförderern mit einer Gesamtstrecke von 935 km waren 43,5 % zur Bandfahrung zugelassen.

 

Da der Ein- und Ausstieg am laufenden Band erfolgte, barg diese Art der Personenbeförderung ein hohes Gefahrenpotential, zumal der Obergurt (auch Obertrumm genannt) meist sowohl für die Massengutförderung als auch für den Personentransport eingerichtet war. Um Unfälle zu verhindern, wurde eine Reihe an Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt. In den Betriebsempfehlungen des Steinkohlenbergbauvereins, die durch den Arbeitskreis „Bandfahrung“ ausgearbeitet worden waren, werden sowohl technische Empfehlungen als auch Verhaltensregeln erläutert. Eine übliche Sicherheitseinrichtung war die Möglichkeit, das Band durch ein Notaus-Zugseil stillzusetzen. Außerdem waren Piktogramme und allgemeine Hinweisschilder an den Auf- und Absteigestellen angebracht.

 

Darüber hinaus waren Überfahrungsschutzeinrichtungen von großer Bedeutung: „Sie dienen der Stillsetzung von Gurtförderern, wenn Personen die seitlich angeordneten Absteigestellen unbeabsichtigt überfahren und damit Gefahrenstellen, wie zum Beispiel Bunkereinläufen, zugeführt werden können“ (Hielen/Schütz, Überfahrungsschutz, S. 163). Dabei erwies sich die Realisierung von betriebsgerechten und funktionssicheren Schutzeinrichtungen, gerade in Bezug auf die zumeist liegende Haltung der Bergleute, als problematisch, so dass unterschiedliche Forschungsansätze verfolgt wurden. Einer dieser Ansätze führt zurück zum anfänglich beschriebenen Schuh: Auch die Bergbau-Forschung GmbH beschäftigte sich mit möglichen Sicherheitssystemen. Die Arbeitsschuhe mit elektronischer Sicherheitstechnik gehörten Reinhold Schütz (*1930), der ab etwa 1954 bis zu seinem Ruhestand im Unternehmen tätig war. Die in der Schuhsohle eingebaute Sensortechnik sollte bei der Bandfahrt das Stoppen des Bandes auslösen und auf diese Weise verhindern, dass die Bergleute beim Auf- und Absteigen stürzten oder sich bei zu frühem Wiedereinschalten der Förderer verletzten. Die Versuche stammen laut Berichten aus den 1980er-Jahren, genaueres ist aber nicht bekannt. Das zugehörige Fotoalbum gibt einen Einblick in die in der Schuhsohle verbaute Technik und die Anwendung unter Tage.

 

1989 berichteten die Bergbehörden über verschiedene Forschungen von Sensorsystemen im Bereich der Sicherheitstechnik für Gurtförderer, die auch für die Personenbeförderung genutzt wurden. Beispielsweise sollte eine UV-Lichtüberwachung auf Reste eines Waschmittelaufhellers in der Arbeitskleidung der Bergleute ansprechen. Bei einem anderen Versuch wurden Batterie und Sensor in den Schuhabsatz eingebaut. Außerdem wurde von der Erprobung eines optischen Sensorsystems auf dem Verbundbergwerk Ewald/Schlägel & Eisen berichtet, die durch die Bergbau-Forschung GmbH begleitet wurde. Ob es sich dabei um den Schuh aus der Schenkung an die Musealen Sammlungen handelt, konnte bisher nicht geklärt werden. Leider gibt es auch noch keine Erkenntnisse darüber, ob es bei einem Versuchseinsatz blieb oder ob diese Art Sicherheitsschuhe tatsächlich produziert und eingesetzt worden sind. Eine Antwort darauf zu finden, wird eine zukünftige Aufgabe der Musealen Sammlungen sein. Da das Montanhistorische Dokumentationszentrum sowohl Objekte als auch archivalische Quellen sowie Fachliteratur und Fotografien unter einem Dach vereint, stehen die Chancen gut, weiterführende Informationen rund um die Schuhe auffinden zu können.

 

01. Dezember 2021 (Maren Vossenkuhl, M. A.)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 037000740001.

 

Guntermann, Andreas/Benning, Manfred: Die Einrichtung von Gurtförderern zur Personenbeförderung, in: Glückauf 115, 1979, Nr. 7, S. 283-287.

 

Hielen, Friedhelm/Schütz, Reinhold: Berührungsloser Überfahrungsschutz an Gurtförderern durch Anwendung des Lumineszenzverfahrens, in: Glückauf Forschungshefte, Zeitschrift zur Verbreitung von Forschungsergebnissen im Bergbau 52, 1991, Nr. 4, August, S. 163-166.

 

Jacobi, Hans: Maßnahmen zur Verbesserung des Personentransports, in: Glückauf 118, 1982, Nr. 11, S. 543-546.

 

Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Energie und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen: Bericht über die Tätigkeit der Bergbehörden des Landes Nordrhein-Westfalen, 1971, 1974, 1985, 1986, 1989.

 

Steinkohlenbergbauverein (Hrsg.): Empfehlungen für die Einrichtung von Gurtförderern zur Personenbeförderung, Essen 1978 (= Betriebsempfehlungen für den Steinkohlenbergbau, Nr. 17).