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Sicherheit beim Trinken: Deckelhumpen in Form einer Benzin-Sicherheitslampe

Souvenirs und Andenken aus dem Bergbau sind in vielen Formen überliefert. So etwa als persönliche Erinnerungsstücke oder in Serie produzierte Objekte mit Bergbaumotiven. Sie sind Teil einer ortsübergreifenden und allgemeinen Erinnerungskultur und finden sich nicht nur in den Wohnzimmerschränken ehemaliger Bergleute, sondern haben auch Eingang in Sammlungen und Ausstellungen von Museen gefunden.

 

Ein seltsames Mischwesen aus dieser Welt begegnet uns in den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok): ein Deckelhumpen in Form einer Benzinsicherheitslampe (montan.dok 030005170001). Er wurde als Geschenk des Knappen-Unterstützungsvereins Sprockhövel an den damaligen Direktor des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Dr. Rainer Slotta, im Jahr 2001 zusammen mit dreizehn weiteren Objekten – darunter einem „Kohlestück mit Heiliger Barbara“ (montan.dok 030005164001) – in die Musealen Sammlungen übernommen.

 

Bei dem recht ungewöhnlich gestalteten Deckelhumpen handelt es sich um einen Objekttyp, der in den Musealen Sammlungen in vielen Spielarten zahlreich vertreten ist. Gemeinsam ist diesen Trinkgefäßen eine oft mit bergbaulichen Motiven versehene Deckelplatte mit Daumenrast, wie beispielsweise im Fall eines „Deckelhumpens mit Reliefplakette“ der Zeit um 1880 aus farblosem graviertem Pressglas (montan.dok 030006195001). Der für Humpen charakteristische Zinndeckel zeigt hier drei unter Tage arbeitende Bergleute. Als Daumenrast dient ein Bergzwerg, der die ganze Szene beobachtet.

 

Im vorliegenden Fall ist der Humpen allerdings einer Benzin-Sicherheitslampe nachgebildet. Diese im Bergbau des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Lampe geht auf eine Entdeckung des englischen Naturforschers Humphry Davy zurück, der 1816 die bis dahin offene Flamme in einen Korb aus feinem Draht einschloss, der ein Ausschlagen der Flamme und damit auch das Auslösen von Schlagwetterexplosionen verhinderte. Den klassischen Aufbau dieser Lampe – Lampentopf, Glaszylinder und Drahtkorb – zeigt beispielsweise die Benzin-Sicherheitslampe der Bochum-Lindener Zündwaren- und Wetterlampenfabrik Carl Koch (montan.dok 030140243000) von Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses Vorbild aufgreifend ist das Glas unseres Kruges daher im oberen Teil mit einem Riffelmuster versehen, das an den Drahtkorb einer Benzin-Sicherheitslampe erinnert. Auch die Farbgebung trägt zur Täuschung bei: Im unteren Bereich ist der „Lampentopf“ schwarz lackiert, im oberen deuten schmale Stege in Goldfarbe die Messing-Verstrebungen über dem „Drahtkorb“ an.

 

Bei dem so gestalteten Deckelhumpen handelt es sich sicherlich um ein Unikat, allerdings nicht um eine Bastelarbeit: Denn das eigens herstellte und angepasste Glas deutet auf einen aufwendigen Herstellungsprozess hin. Zugleich legen Gebrauchsspuren, wie der Abrieb der Farbe am „Lampentopf“, nahe, dass der Krug nicht nur Schaustück, sondern auch Gebrauchsobjekt gewesen ist. Dafür spricht auch die Deckelplatte: Sie ist, der Gestaltung des Humpens als Sicherheitslampe gemäß, ohne jede Bergbaumotivik ganz schlicht gestaltet und nur mit einem eingravierten Namen versehen. Über „Wilhelm Erlbruch“ als möglichen Besitzer des Kruges ist jedoch nichts bekannt. Allerdings gibt die Herkunft des Objekts als Schenkung des 1894 von Bergleuten der Zeche Alte Haase gegründeten Knappen-Unterstützungsvereins Sprockhövel, der sich nach 120-jährigem Bestehen 2014 auflöste, einen Hinweis. Dessen langjähriger Vorstand hieß Friedhelm Erlbruch.

 

So wenig wir über die Herstellung dieses ungewöhnlichen Deckelhumpens und seines mutmaßlichen Vorbesitzers wissen, desto mehr ist allgemein über den Gebrauch solcher Objekte im Zusammenhang einer bergbaubezogenen Erinnerungskultur bekannt. Sieht man einmal von den kostbaren und repräsentativen Deckelhumpen des 17. und 18. Jahrhunderts ab, so fanden gewöhnlichere Trinkgefäße dieser Art in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Rahmen von Feiern zum Barbara-Tag am 04. Dezember, weite Verbreitung. Sie waren und sind damit Teil einer bergbaubezogenen Geselligkeit, wie sie im Rahmen von Knappenvereinen oder Bergbau-Traditionsvereinen stattfindet.

 

Hinzu kommen die von ehemaligen Bergleuten gegründeten Vereinsmuseen. Von 2014 bis 2017 hat das montan.dok im Projekt „Getrenntes Bewahren – Gemeinsame Verantwortung“. dieses bergbaubezogene Vereinswesen näher in den Blick genommen und dabei neben den Sammlungen selbst auch die ihnen eigene Sammlungskultur näher erfasst und beschrieben. Krüge und Gläser mit Bergbaumotivik finden sich häufig neben anderen Traditions- und Erinnerungsobjekten, Kohleschnitzereien, Repliken von historischem Geleucht oder Jubiläums-Wandtellern. Der hier vorgestellte Deckelhumpen ist auch in dieser Hinsicht ein Mischwesen: Er steht für eine bergbaubezogene Geselligkeit und zugleich für eine Objektüberlieferung, die unter den Aspekten Folklore und Erinnerungskultur heute selbstverständlicher Teil der Sammlungen auch großer öffentlicher Bergbaumuseen wie des Deutschen Bergbau-Museums Bochum ist.

 

01. Januar 2021 (Dr. Stefan Siemer)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030005164001, 030005170001, 030006195001, 030140243000

 

Best, Annika: Mitgliederwerbung macht hier keinen Sinn, in: Der Westen, unter: www.derwesten.de/staedte/sprockhoevel/mitgliederwerbung-macht-hier-keinen-sinn-id7501353.html?keepUrlContext=true (Stand, 16.11.2020).

 

Osses, Dietmar/Weißmann, Lisa (Hrsg.): Revierfolklore. Zwischen Heimatstolz und Kommerz. Das Ruhrgebiet am Ende des Bergbaus in der Populärkultur. Begleitbuch zur Ausstellung im LWL-Industriemuseum, Essen 2018.

 

Siemer, Stefan: Taubenuhr und Abbauhammer. Erinnerungsobjekte in Bergbausammlungen des Ruhrgebiets, in: Eser, Thomas u. a. (Hrsg.): Authentisierung im Museum. Ein Werkstatt-Bericht, Mainz 2017, S. 33-44.

 

Siemer, Stefan: Die Erfassung der Vielfalt. Museen und Sammlungen zum Steinkohlenbergbau in Deutschland, in: Farrenkopf, Michael/Siemer, Stefan (Hrsg.): Bergbausammlungen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme, Berlin/Boston 2020, S. 119-156.

 

Siemer, Stefan/Stottrop Ulrike: Was bleibt: Folklore, Souvenirs und veränderte Landschaften, in: Stottrop, Ulrike (Hrsg.): Kohle.Global – Eine Reise in die Reviere der anderen. Katalog zur Ausstellung im Ruhr Museum vom 15. April bis 24. November 2013, Essen 2013, S. 347-351.