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Silvester und der Bergbau

Im Allgemeinen verbindet sich mit dem Wort Silvester die Bezeichnung für den letzten Tag eines jeden Jahres, also den 31. Dezember. Sie geht dabei auf den Todestag des Papstes Silvester I. zurück, der von 314 bis zu seinem Tod 335 n. Chr. Bischof von Rom war. Besagter Silvester gilt heute als Patron der Haustiere, für eine gute Futterernte und letztlich auch für ein gutes neues Jahr. Und natürlich haben auch die Bergleute traditionell den Jahreswechsel gefeiert. Doch es gibt auch eine andere Bedeutung des Begriffes Silvester für den Bergbau, nämlich als Inbegriff eines inzwischen historisch gewordenen Verfahrens der Wiederbelebung bzw. der Reanimation.

 

In der Prospektsammlung des Bergbau-Archivs Bochum, die in den letzten Jahren im Rahmen des Projekts „montan.dok 21“ erstmals grundlegend für die Forschung erschlossen worden ist, befindet sich unter der Signatur montan.dok/BBA FP 23/1 eine vierseitige, leider undatierte Werbeannonce des Unternehmens Albert Rommeda, Bielefeld. Das Prospekt der „Fabrik für Sanitäts-Ausrüstungen, Transport- und Rettungsgeräte“ stammt offenbar aus den 1930er- bis 1940er-Jahren und trägt den Titel „‚Silvester‘ [-] der neueste und vollkommenste Wiederbeleber jetzt und alle Zeiten“. Geschützt wurde der Apparat durch das Deutsche Reichspatent (D.R.P.) Nr. 552 332, das 1929 einem Richard Held aus Bunzlau für seine „Vorrichtung zur Durchführung künstlicher Atmung“ erteilt worden war. Der Preis des beworbenen Apparates, lag bei 200 Reichsmark, zusätzlich ließ sich für 15 Reichsmark ein „Aufbewahrungs- und Transport-Sack mit starkem Leder-Tragegerüst“ erwerben, in dem der Reanimationsapparat in zusammengeklappter Form transportabel war. Hierauf kam es im Bergbau natürlich ganz besonders an, musste doch gewährleistet sein, dass das Gerät für die Wiederbelebung von leblosen Bergleuten etwa nach Unfällen oder gar größeren Unglücken durch die Grubenwehren nach unter Tage befördert werden konnte. Warum aber wurde überhaupt ein solch mechanisiertes Gerät für den Zweck der Reanimation eingesetzt? Und wie funktionierte es?

 

Versuche, Menschen wiederzubeleben, die keine Lebenszeichen mehr zeigen, sind schon seit Jahrtausenden unternommen worden. Ursprünglich handelte es sich wohl um die klassische Atemspende, die auch heute noch als Mund-zu-Mund-Beatmung in der so genannten Ersten Hilfe bekannt ist. Schon in der Bibel, im 2. Buch der Könige des Alten Testaments, das etwa 700 v. Chr. verfasst worden ist, heißt es: „Als Elischa in das Haus kam, lag das Kind tot auf seinem Bett. Er ging in das Gemach, schloss die Tür hinter sich und dem Kind und betete zum Herrn. Dann trat er an das Bett und warf sich über das Kind; er legte seinen Mund auf dessen Mund, seine Augen auf dessen Augen, seine Hände auf dessen Hände. Als er sich so über das Kind hinstreckte, kam Wärme in dessen Leib“ (2. Buch der Könige, 4, 32-35).

 

Entscheidend für ein modernes medizinisches Verständnis war im 17. Jahrhundert die Entdeckung des Blutkreislaufes in Verbindung mit der Aufgabe des Herzens als Druckpumpe durch den Briten William Harvey (1578-1657), bevor 1667 an der London Royal Society die Beatmung anhand des geöffneten Brustkorbes eines Hundes und die dabei sichtbare Belüftung der Lunge demonstriert wurde. Bezeichnenderweise führte dann 1744 der schottische Chirurg William Tossach (verm. 1700-1771) erstmals eine erfolgreiche Mund-zu-Mund-Beatmung an einem Bergmann durch. Damit war endgültig die Bedeutung der Beatmung für die Reanimation erkannt, ohne dass vorerst aber diese neuen Erkenntnisse konsequent bei der Wiederbelebung umgesetzt wurden.

 

Erst im 19. Jahrhundert entwickelten sich zahlreiche manuelle Verfahren der Atemspende durch direkte und indirekte Kompression des menschlichen Brustkorbes (Thorax), und hier kommt nun der uns interessierende Silvester ins Spiel. 1858 nämlich beschrieb der englische Physiker Henry Robert Silvester (1828-1908) eine neue Methode der Wiederbelebung, die durch aktive Armbewegungen des Patienten erfolgt. Im „Amtlichen Unterrichtsbuch des Deutschen Roten Kreuzes für die Sanitätskolonnen, Pflegerschaften und Samaritervereine“ von 1930 heißt es dazu: „(…) Nachdem die hervorgezogene Zunge des Scheintoten durch Festbinden oder Einklemmen vorgestreckt gehalten ist, kniet der Helfer zu Häupten des Scheintoten, faßt dessen hinter den Kopf gelegte Arme am Ellenbogen, bewegt sie bei ‚Eins!‘ nach abwärts und drückt sie bei ‚Zwei!‘ von beiden Seiten an den Brustkorb (= Ausatmung). Dann führt er nach kurzer Pause die Arme auf ‚Drei!‘ an den Ellenbogen wieder nach beiden Seiten breit in weitem Bogen dicht über den Boden hinauf bis über den Kopf des Scheintoten, wodurch die Brust wieder erweitert wird (= Einatmung), und hält bei ‚Vier!‘ einen Augenblick still. Darauf beginnt er von vorn.“

 

Die dargestellte, zunächst rein manuelle Reanimationsmethode ohne maschinelle Unterstützung nach Silvester blieb dabei keinesfalls das alleinige Verfahren im 19. Jahrhundert. Alternative Formen der manuellen Wiederbelebung stammten etwa von Marshall Hall (1790-1857) oder von Benjamin Howard (1836-1900). Ein generelles Problem der rein manuellen Verfahren blieb aber die ungeheure Anstrengung, die die bisweilen langanhaltenden Armbewegungen an dem Leblosen bei den Helfern verursachten. Dies war folglich der Anreiz, den Vorgang gleichsam zu mechanisieren, wie im Gerät der Firma Albert Rommeda umgesetzt und im betreffenden Prospekt beschrieben: „Es ist deshalb versucht worden, diesen Nachteilen durch eine ohne Anstrengung durchzuführende mechanische Beatmung mittels Apparaten zu begegnen.“ Und selbstverständlich lag für die das „Silvester“-Gerät anbietende Firma auf der Hand, „daß für eine Mechanisierung der Beatmung nur die Silvester’sche Methode als die physiologische und weitaus beste in Frage kommen“ konnte.

 

Im westdeutschen Steinkohlenbergbau war die Methode Silvester offenbar bis Mitte der 1950er-Jahre gebräuchlich, bevor v. a. die Bergbau-Berufsgenossenschaft in Bochum und die Hauptstelle für das Grubenrettungswesen in Essen die Atemspende als wirksamere Methode propagierten. Zu klären, wie oft und unter welchen Bedingungen das Silvester-Gerät insbesondere von den Grubenwehren im deutschen Bergbau eingesetzt worden ist, wäre noch eine lohnende Forschungsaufgabe. Genauere Kenntnisse liegen dazu heute nicht vor. Die Chancen dazu stehen allerdings nicht schlecht, sind doch im montan.dok neben dem bereits ausführlich gewürdigten Prospekt zum einen weitere schriftliche Quellen etwa im Aktenbestand montan.dok/BBA 17: Hauptstelle für das Grubenrettungswesen, Essen, des Bergbau-Archivs Bochum verfügbar.

 

Zum anderen und vor allem befindet sich auch ein originaler Silvester-Wiederbeleber der Firma Albert Rommeda, Bielefeld, in den Musealen Sammlungen des montan.dok (montan.dok 030006114001). Er konnte im Jahr 2005 neben anderen medizinischen und grubenrettungstechnischen Geräten aus Privatbesitz übernommen und anschließend restauriert werden. Insgesamt sind somit allerbeste Voraussetzung für eine moderne historische Objektforschung im konkreten Fall gegeben, die materielle Objektüberlieferungen mit archivalischen und sonstigen schriftlichen Quellen in Verbindung setzt und zugleich zu den Kernzielen des Projekts „montan.dok 21“ gehört.

 

04. September 2020 (Dr. Michael Farrenkopf)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030006114001

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) FP 23/1, 17/277: Erhebungen über die Zweckmäßigkeit der Wiederbelebungsapparate, 1911-1942

 

Deutsches Rotes Kreuz (Hrsg.): Amtliches Unterrichtsbuch des Deutschen Roten Kreuzes für die Sanitätskolonnen, Pflegerschaften und Samaritervereine vom Roten Kreuz, Deutsches Rotes Kreuz, 1930, S. 147-150.

 

Farrenkopf, Michael: „Zugepackt – heißt hier das Bergmannswort“. Die Geschichte der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen im Ruhrbergbau, unter Mitarbeit von Susanne Rothmund, Bochum 2010 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 178; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 22).

 

Haase-Lampe, Wilhelm: Sauerstoffrettungswesen und Gasschutz. Gerätebau und Organisation in ihrer internationalen Entwicklung, Bd. 1: Gerätebau (= Handbuch für das Grubenrettungswesen [international]), Lübeck 1924.

 

Janus, Stefan: Geschichte der Reanimation, online unter: https://www.stefan-janus.de/?page_id=72.

 

Niggebrügge, Hans Christian: Die Geschichte der Beatmung – Analyse und Neubewertung am Beispiel der Geschichte des „Pulmotor“ Notfallbeatmungs- und Wiederbelebungsgeräts der Lübecker Drägerwerke, Diss., Lübeck 2011 (online unter: https://www.zhb.uni-luebeck.de/epubs/ediss1082.pdf).

 

Patentschrift Nr. 552 332 für Richard Held, Bunzlau, für eine „Vorrichtung zur Durchführung künstlicher Atmung“ vom 10.03.1929 (veröffentlicht: 26.05.1932), online unter: https://depatisnet.dpma.de/DepatisNet/depatisnet?action=pdf&docid=DE000000552332A&xxxfull=1